Gewaltverherrlichende Medien gibt es nicht!

Man hört es immer wieder in moralisierender Berichterstattung, in der üblichen Empörung und bei Zensurforderungen: den Begriff der "Gewaltverherrlichung" in Medien. Doch hat irgend jemand schon mal mit einem gewaltverherrlichenden Medium Kontakt gehabt, es genutzt? Oder ist das Ganze nur ein Phantom?

Denn welches "Killerspiel" oder welcher Horrorfilm haben schon Passagen, wo sich der Kämpfer oder der Zombie-Schlächter mit Kettensäge hinstellt und dem Spieler oder Zuschauer sagt: "Was ich hier mache, ist auch wirklich ein geile Sache. Es ist gut und cool, wenn du durch die reale Welt marschierst und da alles abknallst!" Nein, nach solchen Medien kann man lange suche, auch in solchen auf Indizes und Beschlagnahmelisten. Man wird sie unter regulären Veröffentlichungen nicht finden (Untergrundprodukte, etwa der Neonazi-Szene, will ich mal außenvor lassen). Genau das wäre aber notwendig, wenn man einigermaßen sinnvoll von "gewaltverherrlichenden Medien" reden wollte.

Wenn man sich anschaut, wogegen sich der Begriff richtet, merkt man schnell, dass die so bezeichneten Medien zwar jede Menge Gewalt darstellen oder nachspielen lassen, was zu Schock- und Gruselzwecken oder zum schlichten Wettkampf völlig legitim ist. Denn fiktionale Medien sollen ja gerade auch das darstellen, was man in der realen Welt nicht tun kann oder (zurecht) nicht tun darf. Doch auch dann, wenn es in einem Computerspiel für Gewalttaten Punkte, Extrawaffen oder ähnliche Belohnungen gibt, handelt das Ganze immer noch in einer von der Realität abgetrennten Fantasiewelt, die zur Unterhaltung geschaffen wurde und nicht, um damit entsprechende Handlungen in der Wirklichkeit zu glorifizieren.

Der Begriff "Gewaltverherrlichung" ist also eine Manipulation dummer Zuhörer, die damit glauben sollen, dass ein Medium, welches Gewalt darstellt oder nachspielen lässt, diese damit in der Wirklichkeit verherrlicht. Das ist grober Unfug, schließlich ist es nur unbedenkliche Gewaltdarstellung, aber es ist die verbale Strategie jener Propagandisten, die Filmfreunden und Computerspielern ihre Geschmacksurteile und Vorstellungen von Zucht und Ordnung aufnötigen wollen - häufig in Form staatlicher Zensur und Verbote. Und ganz dummdreist wird es dann getrieben, wenn diese Kreise ernsthaft behaupten, Filme und Computerspiele seien faktisch Lernmittel, und gewalttätige Darstellungen, etwa im Verbrechermilieu oder Krieg, würden zur direkten Übernahme der "Werte", Moralvorstellungen und Handlungsweisen aus Verbrechertum und Krieg anstiften.

Man denke an Umfragen, wo gefragt wird: "Sollen gewaltverherrliche Computerspiele verboten werden?" Natürlich wollen die meisten Leute keine Spiele, in denen zu echten Gewalttaten angestiftet wird. Stimmen sie aber für ein Verbot, dann wird ihre Meinung für jene eingespannt, die mit einem bewusst falsch verwendeten Begriff der Gewaltverherrlichung manipulieren und damit auch Darstellungen ohne jeden Anstiftungscharakter kriminalisieren wollen. Denn es werden dann viele Leute für ein Verbot stimmen, die mit Hackfleischdarstellungen per Filmtrick oder Bits und Bytes keine Probleme haben. Wirklich gewaltverherrlichende Spiele bleiben dagegen ein Phantom, das es auf den allermeisten Rechnern und auf dem offiziellen Spielemarkt nicht gibt, so blutig es dort auch zur Sache geht. Diese Art Manipulation fällt in Medien immer wieder auf.

Man sollte also, wo immer der Begriff "Gewaltverherrlichung" im Zusammenhang mit Unterhaltungsmedien fällt, auf dessen fälschendes und manipulatives Potential hinweisen, darauf, dass damit legitime und harmlose fiktionale Gewaltdarstellungen zur "Verherrlichung" echter Gewalt umdeklariert werden sollen. Und selbst sollte man den Begriff meiden, denn gegen sein Manipulationspotential kommt man schwer an.

Und die Moral von der Geschicht:
Gewaltverherrlichende Medien gibt es nicht!



(Oder etwa doch...? "America's Army" ist doch sooo schön blutarm, soll nur ein paar Rekruten sammeln, also kein Problem mit Gewaltverherrlichung, da verbietet man doch lieber irgendwelche Zombie-Kettensägen-Schlächtereien...)
Jürgen Mayer (Gast) - 27. Jan, 09:27

@America's Army

Das Perfide an America's Army ist ja nicht nur dessen Blutarmut im Verhältnis zu anderen Spielen, sondern die beständige Manipulation welche man darin ausgesetzt wird dadurch, dass der "Feind" vom Programm ausgemacht immer die gleiche Gruppe ist - für jede Seite einer Partie.
Während aus meiner Sicht Titel wie Call of Duty - kompetitiv zumindest - beständig wertvolle Zivilisationskritik leisten, damit in dem sie (historische oder gegenwärtige) militärische Gewalthandlungen (fiktional) ad absurdum führen, indem einmal für die Rote Armee oder irgendwelche Gruppen aus dem Nahen Osten, und dann wieder für die Nazis oder russische NationalistInnen angetreten wird.

Wenn in der ansonsten ach so realen Welt Militär bloß auch dermaßen auftreten würde, vor den verteufelten Bildschirmen, vor der Medienmaschine welche fürs Leben angeblich mundtot machen würde, dann wäre diese um Einiges friedlicher
Niemand muss dabei Militärisches gut leiden können und kann auch Ressentiments gegen alle möglichen Waffen haben, doch auch Waffen töten allein keine Menschen - es sind so immer Menschen welche Andere(s) umbringen, zerstören, vernichten. Leben unmöglich machen. Leid verursachen. Und als Waffen können praktisch auch sämtliche Utensilien eingebildeter, sich für - moralisch oder sonst wie - überlegen haltender Zivilisationen missbraucht werden.
Aber stattdessen wird sich lieber in Zurückhaltung geübt, propagieren liberal-konservative Zeitungen (schon ein Widerspruch in sich für mich) nahe dem Boulevard wie hierzulande in Österreich die "Kleine Zeitung" neben ihrer Ablehnung von und Empörung über Gewaltdarstellungen lieber die Traditionalismen eines Handke, usw., wenn (andere) missliebige Inhalte als die allein affirmativ interpretierten Medien womöglich noch geleugnet werden.

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