Sonntag, 26. August 2012

Der Apple-Samsung-Prozess, und wie Europa durch Rückbau "geistigen Eigentums" gegen die USA punkten kann

Nun ist das Urteil da: Samsung muss an Apple einen astronomischen Geldbetrag bezahlen, weil es in den USA deren Patente verletzt hat. Die dahinter stehende Logik in Sachen Patente ist in den USA schon lange etabliert und drängt immer mehr nach Europa: Trivialpatente, einfachste Entwicklungen, auf die ein Monopolanspruch erhoben wird und die in ähnlicher Form jedem anderen verboten werden. Das Vergrößern von Bildschirminhalten durch Doppelklick oder Fingerspreizen, ein "Rückfedern" des Bildschirminhalts beim Verschieben, Ein-Klick-Einkauf oder Fortschrittsbalken: simple technische Gimmicks, die in fast jeder professionellen Softwareentwicklung vorkommen und die Bestandteil dieser Entwicklung sind, darüber hinaus keinen Forschungsaufwand bedeuten. Auf solche Dinge werden massenhaft Monopole vergeben, so dass Innovation unmöglich ist, ohne irgendwelche Patente zu verletzen. Dazu kommt der dringende Verdacht eines parteiischen Urteils. Europa tut gut daran, seine Innovationskraft zu schützen, indem es diese Art von "geistigem Eigentum" nicht akzeptiert und die seit geraumer Zeit wuchernden, geistigen Eigentumsrechte gehörig zurück schneidet.

Smartphone-Monopol für einen Hersteller?

Die Kommentare zum Urteil zeigen deutlich: Es geht nicht nur um den Kampf zweier Marktriesen und die Frage, ob Samsung teilweise wirklich abgekupfert hat. Vielmehr steht fast das gesamte, heute übliche Smartphone-Design zur Monopolisierung an. Triviale Bedienelemente und optische Effekte als "geistiges Eigentum" zu monopolisierten bedeutet, dass freie Innovation auf dem Gebiet der Softwareentwicklung nahezu unmöglich wird, weil man eigentlich nichts programmieren kann, ohne irgendwo solche Eigentumsrechte zu verletzen. Das sonst übliche Modell, dass große Hersteller auf ihre Ansprüche gegenseitig im "cross-licensing"-Verfahren verzichten, funktionierte in diesem Fall nicht, und das Gericht schuf so die Grundlage für ein faktisches Monopol Apples in diesem Bereich. Sollte dieser Anspruch wirklich so durchgesetzt werden und in anderen Bereichen ähnlich vorgegangen werden, könnte dies in eine scharfe, wirtschaftliche Auseinandersetzung zwischen den USA, Europa und weiten Teilen der übrigen Welt münden, gar zu einem Handelskrieg führen. In so einer Auseinandersetzung würde es mittelfristig zu einer Entscheidung kommen, welche Handhabung geistigen Eigentums überlegen ist: massenhafte Monopolisierungen jeder noch so kleinen Entwicklung, eine restriktive Anerkennung geistigen Eigentums, nur bei aufwändigen, aber leicht reproduzierbaren Innovationen, oder eine weitgehende Abschaffung des geistigen Eigentums.

Monopolisierte Tierpfoten, federnde Bildschirme und patentierte Wurstbrötchen: Raub geistigen Allgemeinguts

Die Propagandisten exzessiver geistiger Eigentumsrechte behaupten, geistiges Eigentum sei zum Schutz von Innovation nötig. Doch die beschriebenen Patente auf die Gestaltung von Smartphone-Oberflächen stellen keine großartige Innovation dar, sondern liegen nahe, wenn man diese Geräte mit den heutigen Mitteln benutzerfreundlich gestalten will. Ein beim Scrollen federnder Bildschirm oder ein Fortschrittsbalken kann also durchaus als geistiges Allgemeingut gesehen werden, das für jeden eine nahe liegende Lösung darstellt, der entsprechendes programmiert und optisch umsetzt. Eine Monopolisierung durch Patente oder andere geistige Eigentumsrechte ist demnach ein Raub geistigen Allgemeinguts. Werden mehrere solcher Lösungen durch geistige Eigentumsrechte blockiert, so wird eine Entwicklung faktisch unmöglich. Auch klassische Sperrpatente im technischen Bereich, um alternative Entwicklungen zu verhindern, sind nach wie vor gängige Praxis. Eine speziell in Deutschland problematische Bedingung ist das massenhafte Abmahnen von Privatleuten und Kleingewerbetreibenden, um damit Gewinn zu erzielen, oder um Anwälte sich dadurch Gewinn verschaffen zu lassen. Berüchtigtes Beispiel für den Raub geistigen Allgemeinguts, verbunden mit Bereicherung durch finanzielle Schädigung gutgläubiger Menschen, war das markenrechtliche Abmahnen von aufgestickten Tierpfoten auf kleingeweblich vertriebenen Textilien durch einen Outdoor-Bekleidungshersteller, wobei die aufgestickten Symbole kaum Ähnlichkeit mit dem Logo des Bekleidugsherstellers hatten. Ein eher lustiges, aber dennoch Sorge erregendes Beispiel waren patentierte Wurstbrötchen in den USA - die aber bislang wohl noch nicht zur Monopolisierung von Märkten benutzt wurden. Nicht selten kommt es sogar gegen lange etablierte Nutzer bestimmter Bezeichnungen zu einem Raub ihres - ggf. nicht rechtzeitig rechtswirksam registrierten- geistigen Eigentums: so wird derzeit die seit dem Jahr 2000 bestehende Politik-Community dol2day.com von einem Außenstehenden, der Markenrechte auf den Namen beansprucht, juristisch angegriffen. Wenn solche Angriffe Erfolg haben, ist Innovation und Schaffung von Werten in vielen Fällen bedroht, und die behauptete Absicht, mit geistigen Eigentumsrechten solle Innovation geschützt werden, verkehrt sich ins Gegenteil.

Verminte Innovationsfelder und Märkte, und das Innovationsgrab Cross-Licensing

Durch die Vielzahl von Trivialpatenten in den USA, aber auch durch exzessive geistige Eigentumsrechte in Deutschland (z.B. Markenrecht) und Europa werden die Märkte juristisch vermint: niemand kann sich dort bewegen, ohne wahrscheinlich auf die Mine eines versteckten Patents oder sonstigen geistigen Eigentumsrechts zu treten. Kleinunternehmen laufen Gefahr, von großen Konkurrenten mit ruinösen Prozessen überzogen zu werden oder von reinen "Patenttrollen", also Rechteinhabern, die Patente nur aufgekauft haben und weder Produkte entwickeln noch vermarkten, erpresst zu werden. Und das, obwohl sie nur die naheliegende Innovationen entwickelt haben. Unter großen Konzernen ist es weithin gängige Praxis geworden, sich gegenseitig die Nutzung der Patente und sonstigen geistigen Eigentumsrechte zu erlauben, während kleine Unternehmen vom Markt gefegt werden oder gnädiger Weise horrende Lizenzgebühren bezahlen dürfen. Dazu kommt das generelle Problem der Durchsetzbarkeit von Rechten, dass Zivilprozesse extrem teuer und die Kosten oft nicht von der Finanzkraft der Parteien abhängig sind, dass Zivilrecht somit oft ein Recht des finanziell Stärkeren ist, unabhängig von Fall und Gesetzeslage. Gesetzgeber und Justiz machen sich damit zum käuflichen Knüppel des finanziell Stärkeren, der damit alle anderen niedermachen kann. Innovation ist also nur noch unter dem Schutz eines finanzkräftigen Unternehmens möglich, das Rechte sichern, verteidigen oder Lizenzen erwerben kann und durch mögliche Strafen nicht ruiniert wird. Mit dieser Praxis geht ein Großteil der Innovationskraft verloren, weil das Potential in derartigen Unternehmen naturgemäß begrenzt ist.

Ein Staat oder Staatenverbund, der von solchen Definitionen "geistigen Eigentums" Abstand nimmt, hat also einen großen Innovationsvorteil.

Abfluss volkswirtschaftlicher Energie in juristische Auseinandersetzungen

Die gegenwärtige Praxis fördert Unternehmen, die viel investieren, um Konkurrenten juristisch vom Markt zu verdrängen, um Monopole zu erreichen oder zu sichern. Geld, das in solche juristischen Aktivitäten fließt, ist aber für die Volkswirtschaften verloren; es erfolgt damit weder Innovation noch anderweitiger Nutzen. In vielerlei Hinsicht ähneln Ausgaben für Monopolsicherung und Rechtsstreitigkeiten staatlichen Ausgaben für Rüstung und Krieg; auch die sind für die Volkswirtschaft verloren, dafür wird damit eine Menge Schaden angerichtet. Nur, dass juristischer Kampf i.d.R. nicht unmittelbar tödlich ist. Zwar kann es im Einzelfall notwendig werden, dass sich ein Unternehmen juristisch verteidigen muss, wie auch ein angegriffener Staat mit militärischen Mitteln. Dies sollte jedoch das letzte Mittel und die Ausnahme sein, wenn es etwa zu schweren, zentralen Rechtsverletzungen kommt - nicht ein genereller Knüppel, um andere niederzumachen oder zu erpressen. Wenn dagegen Firmen mehr Geld für Patentanwälte und Prozesse ausgeben als für die eigentliche Innovation, wenn es Rechteverwerter gibt, die weder Techniken erfinden noch vermarkten, aber mit aufgekauften und/oder grundsätzlich fragwürdigen Patenten destruktiv und erpresserisch vorgehen, läuft etwas falsch, und der Staat kann für die Volkwirtschaft Resourcen freisetzen, indem er die solchen Zuständen zugrunde liegenden Rechtsverhältnisse korrigiert.

In der gesamten "westlichen" Welt ist offensichtlich, dass exzessive geistige Eigentumsrechte vor allem von den Profiteuren einer solchen Schadwirtschaft forciert werden: Juristen mit entsprechenden Fachgebieten, Rechteverwerter, große Firmen mit Monopolambitionen. Der Kampf um Softwarepatente zeigte deutlich diese Frontstellung, wobei diese Leute sich vor allem durch Lobbyismus hinter den Kulissen hervortun, damit die Öffentlichkeit nachher vor vollendeten Tatsachen steht. Eine Vielzahl schädlicher, exzessiver geistiger Eigentumsrechte ist in Deutschland bereits eingeführt worden, etwa ein Markenrecht, das die Registrierung beliebiger, allgemeiner Begriffe und Symbole als "Marken" erlaubt und somit Grundlage für einen verminten Markt und den Raub geistigen Allgemeinguts ist.

Doch auch bei klassischen, technischen Patenten besteht Reformbedarf. Viele Patente bedeuten auch da längst nicht mehr viel Innovation, sondern vor allem hohen Aufwand für die juristische Bekämpfung von Konkurrenten und die Schaffung wirtschaftlicher Mono- und Oligopole. Es besteht die zunehmende Gefahr, dass Patente im "Schlussverkauf" vergeben und damit verminte Märkte geschaffen werden, die Innovation nicht schützen, sondern behindern und zerstören.

Ein Entzug fragwürdiger "geistiger Eigentumsrechte" ist unproblematisch, weil dies, im Gegensatz zum materiellen Besitz, künstliche Rechte sind, die der Staat aus verschiedenen Erwägungen eingeführt hat, die er aber auch wieder abschaffen kann.

Konkurrenz der Systeme

Sollten Bürger und Politik es in Europa schaffen, sich von den Ketten eines exzessiven "Geistigen Eigentums" zu befreien, so können sie ein enormes Innovationspotential freisetzen. Die USA laufen dagegen im gegenwärtigen Zustand auf eine Oligopolwirtschaft weniger, finanzstarker Konzerne hin, die sich einzig die juristischen Auseinandersetzungen leisten können, und ersticken damit ihre innovativen Kräfte zum Großteil. Somit hätte Europa, evtl. zusammen mit asiatischen Staaten, mittel- und langfristig einen technologischen Vorteil.

Donnerstag, 24. November 2011

Warum wundert man sich, wenn Deutschland seine Anleihen nicht mehr los wird?

Gestern ging die Meldung durch die Presse (Link auf spiegel.de), dass Deutschland seine Anleihen nicht mehr los wird. Ist das wirklich ein Misstrauensvotum gegen Deutschland?

Nun, die Europäische Zentralbank EZB hat 2010 angefangen, Anleihen maroder Staaten aufzukaufen, zu welchem Kurs, ist zur Zeit nicht erkennbar. Wenn es aber zum Nennwert war, dann ist das logischer Weise wie Gelddrucken - was auch schon hinreichend benannt wurde. Unter dem französischen EZB-Chef Trichet wurde dies begonnen, der neue EZB-Chef Draghi hat ohne Umschweife erklärt, dass er diese Praxis fortsetzen will.

Der Euro ist also ganz offiziell eine weiche Währung geworden, wo bei Bedarf schlicht Geld nachgedruckt wird und er damit an Wert verliert. Schon mit Trichet wurde somit der Euro als harte, von politischem Einfluss weitgehend unabhängige Währung korrumpiert - und schon 2010 wäre dieser Kurswechsel nahezu endgültig gewesen. Jetzt macht man sich gar nicht mehr die Mühe, den Eindruck einer wertstabilen Währung erwecken zu wollen.

Nur logisch, dass eine Euro-Anleihe über 10 Jahre mit weniger als 2% Zinsen nicht genug keine Abnehmer findet, wird doch die Inflation eindeutig darüber liegen. Zwar werden wir auch in den nächsten Jahren nicht mit Millionen von Euros beim Bäcker Brötchen kaufen, aber der Wert des Geldes wird schwinden. Schlecht für Spareinlagen, Riesterrenten und dergleichen. Gut, wenn man Schulden hat und der Zins fest geschrieben ist. Auch Deutschland hat schließlich einen riesigen Schuldenberg. Profitieren tun jene, die vermeintlich sichere Werte völlig überteuert verkaufen, man denke an den Gold-Hype.

Wie auch immer, die Inflation ist keine Sache maroder Staaten und keine reine Erinnerung an die Weimarer Zeit mehr. Deutscher Widerstand gegen die Inflationspolitik der EZB kann und wird sich nicht durchsetzen.

Sonntag, 18. September 2011

Freibeuter statt Ausbeuter - Piratenpartei und Liberalismus

Nun haben sie also reichlich Beute gemacht: mit einem satten Ergebnis von rund 9% der Stimmen ist die Piratenpartei im Berliner Abgeordnetenhaus, während die FDP mit unter 2% eigentlich schon im Balken der "Sonstigen" hätte verschwinden müssen. Während die Medien das Ergebnis vielfach noch als Protest abtun und die verstärkte Berichterstattung der letzten Tage sicher einen Teil zur Höhe des Ergebnisses beigetragen hat, muss man klar sagen, dass die Partei in den letzten Jahren intensive Arbeit geleistet und sich damit profiliert hat. Es ist also kein Strohfeuer, sondern eine über lange Zeit hinweg angefachte Glut. Die Debatten um Vorratsdatenspeicherung, Internet-Stoppschilder und "Killerspiel"-Verbote mögen vielen als Randthemen erschienen sein, sie berühren aber grundsätzliche Freiheitswerte in der digitalen wie der "analogen" Welt und ermöglichen der Partei so die Bildung einer langfristigen Basis, die auch weiter funktioniert, wenn es zu Richtungskämpfen und Misserfolgen bei Wahlen kommt. Die Partei hat die Möglichkeit, sich zu einer Partei der digitalen Generation zu entwickeln, so wie die Grünen die Partei der 68er- und Ökobewegung mit entsprechend großer Basis sind. Dieses Tortuga im gesellschaftlichen Ozean fehlt Parteien, die nur von Protest und Provokation leben und die so schnell wieder in der Versenkung verschwinden, wie sie kommen: Statt-Partei, diverse freie Wähler, Schill-Partei und andere, nicht zu vergessen die Rechtsparteien, die zwar insgesamt so 10-15% Klientel haben, wo es aber keiner schafft, die alle unter einen Hut zu bringen - so dass sie am Ende doch hauptsächlich von Protest leben.

Die FDP ist dagegen als liberale Partei nicht mehr ernst zu nehmen. Das einzige, was an ihr liberal ist, ist der Wirtschaftsliberalismus. Und der ist eigentlich kein Liberalismus; er bedeutet effektiv Freiheit nur für die, welche sie sich leisten können. Er ist das Recht des wirtschaftlich Stärkeren, die Garantie, dass der sich ohne staatliche Gängelei wie Mindestlöhnen und sozialen Verpflichtungen zum Nachteil aller anderen bereichern kann. Wirtschaftsliberalismus oder Neoliberalismus in den gängigen Formen befördert nicht Leistungsträger, sondern Personen in Machtpositionen, die dort möglichst viel der erwirtschafteten Erträge abschöpfen können, oft ohne jede eigene Leistung, etwa bei Besitz- und Kapitalerträgen und Spekulationsgewinnen. Genau so, wie Freiheit nicht bedeuten darf, dass Gewalttäter ungehindert Schwächere verprügeln und erpressen dürfen, dass dagegen Ordnungsmächte nötig sind, so darf sie auch nicht bedeuten, dass einige in gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Schlüsselpositionen alle Erträge und Gewinne abschöpfen und die Löhne für die eigentlichen Leistungserbringer dank freiem Markt bis unter die Hungergrenze drücken dürfen! Dazu war sie allzu penetrant Vertreter der Lobbyisten. Wenn Rösler seine Gesunheitsreformpläne - Kopfpauschale, also hin zu Gesundheitsdiensten als individuell zu bezahlenden Leistungen - damit beschreibt, dass die besten "Experten" sie erarbeitet hätten, dann kann sich jeder denken, was damit gemeint ist. Dass Lobbyisten die Gesetze selbst in ihrem Sinne schreiben, ist nicht Sinn liberaler Politik! Es wäre wirklich gut, wenn diese FDP dauerhaft bei 2% oder weniger bliebe!

Interessant ist, dass die Piraten in Berlin sich für die Möglichkeit eines Lebens ohne Zwang zu Arbeit und für kostenlose öffentliche Verkehrsmittel aussprachen. Man sollte diese Themen ernsthaft anpacken und sich vor allem um das "wie" kümmern, damit das Ganze nicht in griechischen Verhältnissen endet! Es ist ein notwendiger Gegenpol zu den Versklavungsideologien, die Arbeitslose durch erniedrigende Behandlung, willkürliche Kürzungen und eine insgesamt immer ungenügendere Versorgung in unterbezahlte Elendsjobs zwingen wollen - was letztlich auch die Löhne der etablierten Arbeitsplätze mehr drückt, als je davon an Steuern für Sozialleistungen bezahlt wurde.

Und letztlich sollte sie sich auch vom etablierten linken Spektrum abgrenzen. Sicher sind sie keine Rechtspartei, und es ist auch nicht zu erwarten, dass dort Parteimitglieder ein neues "Drittes Reich" fordern dürfen. Sie sollte sich aber nicht zu Hexenjagden treiben lassen, die sich an bloßen Glaubensbekenntnissen festmachen, wie genau die Verurteilung historischer Verbrechen auszufallen hat. Gerade dieser weit überschießende Fanatismus, bei dem oft alle Grundsätze des vernünftigen Miteinanders abgeschafft werden, macht weite Teile der etablierten Linken unerträglich. Wenn die Partei mit den Äußerungen einzelner Mitglieder Probleme hat, sollte sie das in aller Ruhe diskutieren, die inkriminierten Äußerungen dabei allgemein zugänglich machen, und dann in Ruhe entscheiden, ob das Ganze nun akzeptabel, eine Einzel- oder Minderheitenposition oder gänzlich inakzeptabel ist - nicht Anschuldigungen und Verunglimpfungen in immer größerer Härte und mit ins Kraut schießender Fantasie reproduzieren, ohne demjenigen die geringste Chance zu lassen.

Vielleicht schaffen sie es ja, sich ihr gesellschaftliches Tortuga auszubauen und auch weiterhin ein bunter Haufen zu bleiben. Die Konzentration auf die digitale Welt kann in der Tat neue Anstöße bringen, die es fördern, dass diese Technologien auch für gesellschaftliche und demokratische Prozesse nutzbar gemacht werden, statt nur für Überwachungs- und Unterdrückungsapparate missbraucht zu werden!

Dienstag, 30. August 2011

Unseriöse Inkassobüros - dem Eisberg nicht nur die Spitze nehmen!

Nun tun sich also endlich die Verbraucherzentralen zusammen und verfolgen (besonders) unseriöse Inkassobüros, um Druck auf den Gesetzgeber auszuüben. Die Branche befindet sich in einem nahezu gesetzlosen Zustand, was die Sorgfalt des Vorgehens, die Höhe der angesetzten Gebühren und Sanktionsmöglichkeiten bei Fehlverhalten betrifft. Zwar sind sie auch den allgemeinen Gesetzen unterworfen und müssen sich nach dem Rechtsdienstleistungsgesetz registrieren lassen, aber die Möglichkeiten, einzuschüchtern und unseriös abzuzocken und dabei straf- und zivilrechtliche Folgen zu vermeiden, sind grenzenlos. Gerade einem einzigen Inkassobüro in Berlin, das vor allem für Internet-Abofallen tätig ist, wurde die Erlaubnis widerrufen - und die gewannen sogar ihre Klage vor dem Verwaltungsgericht Berlin dagegen. Und selbst, wenn ihnen einst die Erlaubnis entzogen werden sollte, dürfen sie weiter machen und sich in einem anderen Bundesland niederlassen.

Doch in den Detailfragen, wie man den gänzlich unkoscheren Vertretern des Gewerbes zu Leibe rücken kann, droht der vielleicht wichtigste Aspekt unterzugehen, nämlich, die Branche an sich in ihrer Notwendigkeit und Berechtigung zu hinterfragen. Denn Mahnungen kann jeder selbst schreiben; große Unternehmen können das mit minimalen Kosten per Computer, einen gerichtlichen Mahnbescheid kann auch jeder selbst veranlassen, und wenn er wirklich Hilfe braucht, gibt es immer noch Anwälte. Wozu braucht man also Inkassobüros in der seriösen Geschäftswelt? Die Antwort ist einfach: Kostenschinderei und Profitgenerierung auf eine Weise, dass der Kunde, wenn er in die Falle tappt, kaum noch Einfluss darauf hat.

Die schwärzesten Schafe:
Der offensichtlichste Teil des Problems sind die eindeutig unseriösen Inkassobuden, die sich darauf spezialisiert haben, unseriöse oder klar betrügerische Forderungen einzutreiben: aus Internet-Vertragsfallen, wo Kosten nur kleingedruckt, in den AGB versteckt oder überhaupt nicht genannt werden, oder aus zweifelhaften Telefonverträgen. Auch in den Forderungslisten: Rechnungen für unverlangte Warenlieferungen oder völlig frei erfundene Forderungen. Allen diesen Inkassobüros ist gemeinsam, dass sie Forderungen eintreiben, die nicht aus einvernehmlichen, in vollem Bewußtsein der Folgen bei allen Beteiligten entstandenen Verträgen stammen, sondern wo Verträge nicht existieren, ungültig sind oder durch Tricks, Täuschungen oder Druck entstanden.

Immerhin: "Russisches Inkasso" oder der "Schwarze Mann", der angebliche Schuldner beschattet, drohen zumindest in diesem Bereich nicht. Dafür tauchen aber immer wieder Fantasie-Inkassofirmen, teils aus dem Ausland, auf, die mit falschen Gerichtsurteilen drohen, Homepages erstellen (mit ausländischer Anschrift, aber auf deutsches Recht ausgerichtet) und Drohschreiben per Brief oder E-Mail verschicken.

Die meisten dieser Inkassos setzen auf Einschüchterung und immer neue, immer schärfere Drohschreiben. Doch unseriöse Inkassofirmen können auch für Opfer gefährlich werden, die sich damit nicht zum Zahlen bewegen lassen: Einige veranlassen auch bei unberechtigten Forderungen gerichtliche Mahnbescheide - versäumen die Opfer den Widerspruch und sitzen auch den Vollstreckungsbescheid aus, wie zuvor schon den Inkassomüll, haben sie die Forderung fast unanfechtbar am Hals, egal, wie betrügerisch sie ist. Manche erheben sogar nach Widerspruch Klage, weil viele Opfer sich gar nicht oder ohne qualifizierte Hilfe verteidigen - noch immer Riesenchanchen für Abzocker, ihren Forderungsmüll rechtsgültig zu titulieren. Sobald aber eine ernsthafte Verteidigung erfolgt, ziehen sie sich meist zurück.

Die große Grauzone:
Im Massengeschäft mit Verbrauchern haben Inkassounternehmen zunehmend Verbreitung gefunden. Nicht wenige Handelskonzerne haben eigene, interne Inkassofirmen gegründet, die bei Verzug die Forderungen übernehmen und saftige Gebühren aufschlagen. Diese sind gesetzlich nicht geregelt, so dass ein Inkassobüro gegenüber dem Schuldner nahezu jede Fantasiegebühr fordern kann. Gerichtlich durchsetzbar ist die zwar in der Regel nicht, da hat sich das Equivalent an Anwaltskosten in den meisten Fällen als Obergrenze für Inkassogebühren durchgesetzt. In vielen Fällen sind sie auch gar nicht einklagbar. Viele lassen sich aber einschüchtern oder im Schuldbewusstsein jeden Wucher aufdrücken, und so wird auch ein Großteil der "Kontoführungsgebühren", "externen Inkassoauslagen", unnötigen oder überhöhten Adressermittlungskosten und sonstigen Fantasiegebühren tatsächlich bezahlt.

Dazu kommt, dass sich gerade im Masseninkassomarkt einige Unternehmen immer wieder mit der Unterwelt der Abzocker verbünden. So ist das Inkassounternehmen "acoreus" einerseits durch massenhafte Eintreibeversuche für längst verjährte Telefonrechnungen bekannt geworden, wo auf wenige Euro teils 50 bis 70 Euro Inkassogebühren aufgeschlagen wurden. Nach Berichten im Netz war die Firma aber auch für Gewinnspielunternehmen ebenso tätig wie für den Schweizer Versandhandel Provea, der unverlangt Unterwäsche liefert und dafür Geld fordert, sowie für die Internet-Vertragsfalle Melango, wo Jäger vermeintlicher Schnäppchen von teils erheblichen Verlusten bedroht sind. Von anderen, sich "seriös" generierenden Inkassobuden sind ähnliche Fälle bekannt.

Seriöse Inkassounternehmen - gibt es sowas?
Es ist schwer, einen Arbeitsbereich für Inkassounternehmen auszumachen, der nicht entweder von Geschäftsleuten und Unternehmen selbst bedient werden könnte, oder eindeutig in den Bereich der Rechtsberatung fiele und damit Sache von Anwälten und Gerichten wäre. Allenfalls könnte man sich Detektivarbeit bei größeren Beträgen vorstellen, wo Profischuldner Geld verschieben und systematisch Gläubiger prellen. Das Geldeintreiben im Massengeschäft mit Verbrauchern fällt nicht unter solche besonderen Notwendigkeiten. Um ein Unternehmen als seriös zu bezeichnen, gehört mehr dazu als nur das Fehlen eines offensichtlich strafbaren Verhaltens! Dazu gehört auch, dass es Gewinn nur aus einvernehmlich erzielten Verträgen zieht und bei Verschulden eines Vertragspartners nicht mehr verlangt, als tatsächlich an Schaden entstanden ist.

Neuregelungen - Chancen und Gefahren

Die Verbraucherzentralen verlangen offenbar neue gesetzliche Regeln - doch genau dabei besteht die Gefahr, dass damit letztlich eine zweifelhafte Branche weiter legalisiert und hohe Zusatzforderungen, deren Rechtmäßigkeit derzeit zumindest im Zweifel steht, rechtlich verbindlich werden. Denn Neuregelungen werden oft nicht im Sinne des Allgemeinwohls getroffen, und es müssen bei einer Neuregelung die Lobbyisten der Branche außenvor gehalten werden.

Gute Gründe, Inkassobüros im Verbrauchergeschäft gar keine rechtliche Grundlage mehr zu gewähren:
  1. Unlautere Preisgestaltung
    Geschäfte, Versandhäuser, Telekommunikationsunternehmen und Energieanbieter versuchen, mit niedrigen Preisen Kunden zu ködern. Doch nicht wenige von ihnen legen es darauf an, ihren Kunden nachher böse Überraschungen zu servieren, vor allem, wenn es zu Zahlungsschwierigkeiten kommt, und genau an der Stelle, wo der Kunde (scheinbar) keinen Entscheidungsspielraum hat, den großen Reibach zu machen. Kreative Kostenschinderei mit Rücklast-, Mahn- und Inkassogebühren sorgt da für Gewinn, wo der Markt mit ehrlicher Preisgestaltung nur geringe Margen hergibt oder man sich sogar mit Dumping etablieren muss. Da schafft es schon mal ein "Billigflieger", aus der Vorreiterbranche in Sachen unlautere Preisgestaltung, seinen Kunden 50 Euro Rücklastgebühr anzurechnen, mit Technik wie vor 100 Jahren und bummelstreikenden Mitarbeitern, die für so einen Vorgang angeblich 72 Minuten brauchen. Entsprechend werden bei geplatzten Abbuchungen oder EC-Kartenzahlungen für die erste, simple Mahnung schon mal schnell über 50 Euro angerechnet. Natürlich lässt sich sowas auch computergestützt für Centbeträge erledigen, aber es geht ja schließlich um Profitmaximierung da, wo der Kunde den Preis nicht bestimmen oder ablehnen kann.

  2. Profit aus sozialen Notlagen
    Durch die Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse, sinkende Löhne und Sozialleistungen, die mangels Inflationsanpassung effektiv immer weiter unter das Existenzminimum sinken und außerdem immer öfter willkürlich gekürzt oder gestrichen werden, können selbst gut wirtschaftende Menschen ihre Verbindlichkeiten immer weniger regelmäßig erfüllen. Es kommt zwangsläufig zu Zahlungsverzügen, Rückbuchungen, Rücklastschriften und dergleichen. Wenn hier Inkassobüros eingeschaltet werden, bedeutet dies, dass gezielt aus Notlagen Kapital geschlagen wird; die Inkassokosten sind in der Regel nicht durch den tatsächlich notwendigen Aufwand gerechtfertigt. Außerdem: Wenn Politik und Gesellschaft solche Not- und Mangelsituationen ausdrücklich billigen und befördern, dann müssen sie eben auch die Konsequenzen tragen, was gegebenenfalls heißt, dass Kosten durch unvermeidbare Zahlungsprobleme auf die Allgemeinheit oder die Geschäftstreibenden umgelegt werden müssen.

  3. Forderungswäsche
    Inkassounternehmen sind, besonders im Massengeschäft, nicht zur Prüfung der Forderungen verpflichtet, können also fast risikolos unberechtigte oder betrügerische Forderungen übernehmen, eigene Kostenforderungen draufschlagen und das Ganze mit Drohszenarien und sogar Rechtsmitteln eintreiben. Ein Urteil des Verwaltungsgerichts Berlin vom 25.8.2011 zugunsten des Abofallen-Eintreibers "Deutsche Zentral Inkasso" bestätigt diese Rechtslage. Analog zur Geldwäsche, wo kriminelle Erträge durch Verschieben letztlich legal erscheinen, werden so Forderungen aus untergeschobenen Verträgen oder ohne jede Grundlage, deren Eintreibung am Ursprung noch als Betrug zu identifizieren wäre (oft von Firmen mit Briefkastenadressen und in Steueroasen), schon durch einfache Weitergabe an ein Inkassobüro juristisch sauber gewaschen und sind dort gleichrangig mit im Grunde berechtigten Forderungen.

  4. Schadwirtschaft
    Inkassobüros gehören zu einem Wirtschaftszweig, der Geld nicht durch einvernehmliche Leistungen verdient, sondern dadurch, dass er aus oft unabsichtlichen und geringfügigen Verfehlungen exorbitante Forderungen zum Nachteil der betroffenen Personen generiert. Einem Wirtschaftszweig, der Geschäfte zu Lasten Dritter macht, die bei Preisbildung oder eventuellen "Leistungen" nicht mitreden können und dabei das Maximum auszupressen versucht. Mit tatsächlichen, unvermeidlichen Kosten durch Zahlungsverzüge haben Inkassogebühren in der Regel nichts zu tun - Verzugszinsen oder Mahnkosten (Porto+Papier) liegen meist nur bei einem Bruchteil davon. Es schaffen sich Unternehmen Profit zum Schaden anderer, ohne, dass damit ein Zusatznutzen entstünde. Der Schadwirtschaft gehören des weiteren z.B. Abmahnanwälte an, die serienmäßig geringfügige Rechtsverstöße mit dem Ziel völlig überhöhter Kostenrechnungen verfolgen, oder Parkraumbewirtschafter, die vor Supermärkten auf geringfügige Parkverstöße lauern, um dann für exorbitante Kosten abzuschleppen. Kurzum: Schadwirtschaft ist das, was im Volksmund allgemein "Abzocke" genannt wird. Sie nützt niemandem, außer jenen, die sie betreiben, fügt nur Menschen Schaden zu und ist auch keine angemessene Möglichkeit, um Leute zur Einhaltung von Rechten zu disziplinieren. Der Staat sollte dieser Wirtschaft jede rechtliche Grundlage entziehen, sie zivilrechtlich möglichst weit mit Kriminalität gleichsetzen und außerdem die beteiligten Unternehmen und Personen dauerhaft an weiterer Geschäftstätigkeit oder der Ausübung rechtspflegerischer Berufe hindern.

Was gesetzgeberisch zu tun ist:
  • Keine weiteren Rechtsgrundlagen für eigene, zusätzliche Forderungen von Inkassobüros, wenn die Eintreibung auch mit anderen Mitteln kostengünstiger möglich ist.
  • Die -naheliegende- Begrenzung von Inkassogebühren auf Anwaltsgebühren-Äquivalent darf nur eine Obergrenze darstellen und keine weitergehenden Rechtsansprüche auf Inkassogebühren begründen. Alle bisherigen Umstände, die Inkassogebühren hinfällig werden lassen, müssen bestehen bleiben.
  • Kein Anspruch auf Inkassogebühren, wenn der Forderungsinhaber effektiv selbst eintreibt und eine organisatorische Trennung zum Geldeintreiber nur konstruiert. Insbesondere bei ausgelagerten Inkassoabteilungen innerhalb von Konzernen und dem Konstrukt der Inkassozession.
  • Gegebenenfalls ist auch daran zu denken, der Inkassobranche jegliche Rechtsgrundlage zu entziehen und Rechtsdienstleistungen zwecks Geldeintreibung nur noch durch -streng überwachte- Anwälte durchführen zu lassen.
  • Verzug allein rechtfertigt keine auf den Schuldner umzulegende Einschaltung Dritter (weder Inkasso noch Anwalt); eine einfache Mahnung ist jedem Unternehmen selbst zu Papier- und Porto-Kosten (ca 3 €) zumutbar. Insbesondere, wenn der Verzug ohne Wissen des Schuldners eingetreten ist (Rücklastschrift, geplatzte Kartenzahlung usw.), muss erst eine einfache Mahnung erfolgen.
  • Strikte Begrenzung aller mit Zahlungsproblemen verbundenen Zusatzkosten auf das tatsächlich anfallende, unvermeidbare Maß, und hier auf marktübliche Preise bei einvernehmlichen Leistungen. Also eine Verhinderung von Wucher z.B. mit Rücklastgebühren, Mahnkosten, Identitätsermittlungen usw. AGB-Klauseln, die Wucherpreise erlauben oder festlegen, müssen ungültig sein. Von Unternehmen kann erwartet werden, dass sie für die Bearbeitung von Zahlungsverzügen die gleiche Kostenoptimierung betreiben wie für die reguläre Rechnungsabwicklung (EDV-Einsatz usw.).
  • Inkassos oder Anwälte, die unberechtigte Forderungen (ursprüngliche oder eigene Zusatzforderungen) eintreiben, müssen im Einzelfall mit Sanktionen, im Wiederholungsfall oder bei regelmäßig derartigem Handeln mit Entzug ihrer Erlaubnisse rechnen, wie auch Strafverfolgung und zivilrechtlichem Schadenersatz. Es besteht eine Prüfungspflicht, insbesondere, wenn von der Art der Forderungen oder aufgrund des Forderungsstellers eine erhöhte Wahrscheinlichkeit unberechtigter Forderungen vorliegt.
  • Der Automatismus des gerichtlichen Mahnverfahrens, dass einerseits ein versäumter Widerspruch des Forderungsgegners eine Forderung rechtsgültig macht und andererseits dies selbst bei klar fehlender Berechtigung, Sittenwidrigkeit oder Betrug nicht mehr angefochten werden kann, muss zumindest für Verbraucher aufgehoben werden. Es ist normal, dass ein Verbraucher erst reagiert, wenn er von Vollstreckungsmaßnahmen betroffen ist; also muss auch dann noch Widerspruch möglich sein. Unberechtigte und betrügerische Forderungen müssen auch nach Titulierung noch anfechtbar sein!
  • Es muss mit rückwirkender Betrachtung allen Geldeintreibern der Geschäftsbetrieb untersagt werden, die wiederholt durch unberechtigte Forderungen und/oder sittenwidrige Praktiken aufgefallen sind. Einmal nach schon geltendem Recht, ggf. aber auch rückwirkend! Denn: "Nulla Poena sine lege" gibt es so im Zivilrecht nicht; hier gilt statt "Keine Strafe ohne Gesetz" nur der weichere "Vertrauensschutz". Und den sollte und muss der Staat Abzockern nicht zugestehen!

Fazit: Inkassounternehmen sind im Verbrauchergeschäft überflüssig wie ein Kropf. Ihre Aufgaben können entweder die Geschäftsbetriebe selbst, oder gegebenen Falls Anwälte übernehmen - wobei man sogar gerichtliche Mahnbescheide ohne weiteres selbst verschicken kann. Dafür stehen sie für ein an sich bedenkliches Geschäftsmodell, nämlich Menschen zu bedrohen und einzuschüchtern und dafür auch noch von ihnen Geld zu verlangen - auch bei "seriösen" Inkassounternehmen. Dass es in den letzten Jahren einen Massenzuwachs an eindeutig unseriösen Inkassofirmen gab, die für Abofallen, untergeschobene Gewinnspiele und ähnliches eintreiben, ist nur folgerichtig. Es ist nun an der Zeit, hier aufzuräumen und diese Art Schadwirtschaft am besten ganz vom Fenster verschwinden zu lassen. Schulden eintreiben geht auch auf seriösere Weise, Inkassobüros braucht es dafür nicht!

Mittwoch, 20. April 2011

Warum der Innere Schweinehund nicht bezwungen werden kann. Die Psychologie des inneren Widerstandes.

Er ist ein lästiger Geselle, der Innere Schweinehund: Er lässt uns nicht tun, was wir tun müssen, lässt uns unangenehme Arbeiten bis zum letzten Drücker aufschieben, schlampig oder gar nicht erledigen. Und es mangelt nicht an Forderungen und Tipps: Genug Willen haben, sich überwinden, sich alles in kleine Schritte aufteilen, sich nach Erfolgen belohnen usw. usw. Doch was Internet, Ratgeberliteratur und Kurse anraten, ist für Betroffene kaum umsetzbar.

Andererseits haben manche Menschen fast gar keinen inneren Schweinehund, sondern können ohne große Mühe alle Aufgaben erfüllen und im Leben Ziele erreichen, die anderen verwehrt bleiben. Es deutet also einiges darauf hin, dass es zwecklos ist, die inneren Widerstände durch immer härtere innere Gewalt gegen sich selbst überwinden zu wollen.

Während heute kein vernünftiger Mensch mehr einem Legastheniker unterstellt, dass er lesen und schreiben "nur wirklich wollen" müsse oder von einem Drogensüchtigen behauptet, er müsse "sich nur zusammen nehmen", um von seinem Laster los zu kommen, ist Vergleichbares in Sachen Selbstdisziplin die Regel. Es herrschen archaische Vorstellungen vom "freien Willen" vor, die anderswo längst als widerlegt und überwunden gelten. Für Betroffene mangelnder Disziplinbegabung führt das zu massiven Anfeindungen und böswillig auferlegten Nachteilen, die zu den ohnehin schon vorhandenen kommen.


Ich habe deshalb in einigen psychologischen Theorien recherchiert, was der "innere Schweinehund" wirklich ist. Besonders passend erschien mir die PSI-Theorie des Osnabrücker Professors Julius Kuhl, weil sie schlüssig die Konkurrenz und Opposition verschiedener Teile des menschlichen Denkens gegeneinander beschreibt. Denn genau die Diskrepanz zwischen rationalem Wollen und emotionaler Ablehnung, nicht selten dem Auswachsen unangenehmer Pflichten zum absoluten Horror, ist ja zentrales Merkmal einer defekten Selbststeuerung.

Kuhl unterteilt dabei das menschliche Denken in vier Grundsysteme, die er auch physisch im Gehirn lokalisiert. Die für das Handeln wichtigsten sind dabei das Intentionsgedächtnis, das er in der linken, vorderen Hirnhälfte verortet und das für das bewusste, klare und rationale Denken steht, sowie die intuitive Verhaltenssteuerung, ein eher primitives System, das er im hinteren, rechten Hirn verortet und das für das unbewusste, intuitive, "automatische" Handeln im Alltag steht. Daneben gibt es noch das so genannte Extensionsgedächtnis, ein in der rechten, vorderen Hirnhälfte verortetes, umfangreiches, aber eher "gefühlsmäßiges" Denksystem, sowie die so genannte Objekterkennung, ein bewusstes, primitives System in der hinteren, linken Hirnhälfte. Für die Handlungssteuerung und Defekte ebendieser stehen aber demnach vor allem die beiden Denkapparate Intentionsgedächtnis (komplex, im Gehirn vorne links) und intuitive Verhaltenssteuerung (primitiv, im Gehirn hinten rechts) im Vordergrund.

Nun ist es nach Kuhl so, dass die verschiedenen Denksysteme nicht etwa harmonisch zusammen arbeiten, sondern in Konkurrenz zueinander stehen und sich im ungünstigen Fall gegenseitig blockieren können. Sie sind überdies von den jeweiligen Emotionen abhängig: Positive Emotionen, wie Freude und Glück, aktivieren vorwiegend die rechte Hirnhälfte mit der intuitiven Verhaltenssteuerung, fördern also gewisser Maßen die Bereitschaft zum Handeln. Negative Emotionen, oder auch nur eine nüchtern-rationale Stimmung, fördern dagegen die Systeme der linken Hirnhälfte, darunter das Intentionsgedächtnis, dessen Aktivität dafür verantwortlich ist, dass man sich etwas vornimmt zu tun, weil es rational sinnvoll und geboten erscheint. Dazu kommt, dass entsprechende Denkaktivitäten in Gegenrichtung auch die Emotionen beeinflussen, dass also beispielsweise scharfes Nachdenken zu einer gedämpft positiven oder gar negativen Stimmung führt.

Es ist also so, dass gerade das scharfe Nachdenken über eine Aufgabe und das feste "sich Vornehmen" der Erledigung die primitive, aber für die Handlungsausführung nötige Intuitive Verhaltenssteuerung blockieren. Je fester man sich eine unattraktive Arbeit vornimmt, umso weniger kann man sie tatsächlich machen. Die unangenehme Aufgabe lässt sich also nicht, wie häufig falsch unterstellt, durch einen festen Willen dazu erledigen, sondern der feste rationale Wille sorgt für eine noch stärkere Blockade, weil dadurch die Intuitive Verhaltenssteuerung zum "Inneren Schweinehund" mutiert. Dies ist laut Kuhl ein grundsätzlicher Prozess, der bei allen Menschen so abläuft, der aber bei vielen ausgetrickst werden kann.

Als häufiges Beispiel für eine Krise der Selbststeuerung sei hier die so genannte Prokrastination genannt, das Aufschieben unattraktiver Aufgaben auf den letzten Drücker, bei der gleichzeitig ein extremer Druck und auch rationaler Wille des Betroffenen vorliegt, die Aufgabe gut zu erledigen. Betroffene setzen sich extrem unter Druck, eine unangenehme Arbeit, etwa das Lernen für eine Klausur oder die Steuererklärung, zu erledigen. Genau dadurch wird aber die Handlung unmöglich gemacht; man sucht sich jede erdenkliche Ausrede ("sind ja noch vier Wochen Zeit..."), um die Arbeit hinaus zu zögern. Am Ende wird dann die Aufgabe mäßig gut bis schlampig in einem harten Endspurt, häufig in einer Nachtschicht vor dem Termin, erledigt, unter Umständen auch gar nicht. Die meisten Betroffenen versuchen, diese Handlungsblockade zu überwinden, indem sie sich noch mehr unter Druck setzen, sich härter zwingen, sich noch mehr Drohungen und Horrorszenarien für den Fall der Nichterfüllung der Aufgabe ausmalen. Doch genau dieser Zwang und negative Affekt blockiert das intuitive Handeln, das nötig ist, um mit der Arbeit zu beginnen und dran zu bleiben. Die Folge: So sehr sich der Betroffene auch unter Druck setzt, er kann es nicht schaffen, frühzeitig mit der Aufgabe zu beginnen und so die Zeit für ein gutes Ergebnis zu nutzen. Der Gegensatz, einerseits sich zu einer Aufgabe zwingen zu wollen, andererseits diese beim besten Willen nicht umsetzen zu können, sorgt für eine extreme Belastung und faktisch die weitgehende Zerstörung der Lebensqualität der Betroffenen.

Im ungünstigsten Fall kann dies zu einem Teufelskreis führen: schlechte von außen geforderte Leistung, daraus resultierender Misserfolg, Verachtung und Anfeindungen der Umwelt, auf die man dann mit nochmals verschärftem Zwang und noch härteren Drohszenarien gegen sich selbst reagiert. Damit blockiert man seine Handlungsausführung noch mehr, und die Arbeitsergebnisse bleiben mäßig bis schlecht oder kommen gar nicht mehr.

Und was für größere Aufgaben, wie Klausuren, Arbeitsprojekte oder Steuererklärung gilt, gilt letztlich auch für die vielen kleineren Aufgaben des Alltags: Putzen, Aufräumen, Kinder versorgen, Amtsformalitäten, den beruflichen Alltag. Auch hier droht der Teufelskreis von Zwang und Drohungen, Handlungsblockade, Schlecht- oder Nichterfüllung und letztlich Misserfolg, auf den man mit noch mehr Hass und Zwang gegen sich selbst reagiert - der aber gar nicht in besseres Arbeitsverhalten münden KANN. Messies sind nicht deswegen wie sie sind, weil sie Dreck und Chaos in ihrer Wohnung lieben, sondern in der Regel, weil das Aufräumen so ein ausgewachsener Horror ist, dass es mit allen Mitteln vermieden wird und Dreck und Chaos letztlich das kleinere Übel sind (andere Ursachen, wie die Unfähigkeit zur permanenten Handlungsüberwachung, um etwa gebrauchte Gegenstände gleich an Ort und Stelle weg zu legen, oder Sammeltrieb mögen noch dazu kommen).


Die (begrenzten) Lösungen des Problems, und warum sie nicht für alle funktionieren:

Nun haben nicht alle Menschen Probleme, unangenehme Aufgaben zu erledigen. Dabei ist es durchweg so, dass diese Menschen sich für diese Aufgaben viel weniger mit Gewalt zwingen und quälen müssen als Menschen, denen sie große Schwierigkeiten machen. Im wesentlichen gibt es zwei Methoden, mit denen fleißige und disziplinierte Menschen ihre Dinge erledigen:
  1. sie schalten alle Emotionen ab und konzentrieren sich auf die zu erledigende Sache. Diesen "Robotermodus" bezeichnet Kuhl als handlungsorientiert, im Gegensatz zum lageorientierten Modus, bei der Betroffene in negativen Gefühlen und Grübeleien stecken bleiben. Einem Lageorientierten wird es bei einer unangenehmen Anforderung also stets dreckig gehen und er kann nichts dagegen tun, während der Handlungsorientierte seine Gefühle einfach aussperren kann. Dies ist, wie auch der reine Zwang, eine Methode der von Kuhl so genannten, autoritären Selbstkontrolle, bei der das Handeln nicht im Einklang mit den Emotionen steht.
  2. durch positive Motivation, also durch spätere Belohnungen, Konzentration auf abstrakte, positive Aspekte der Aufgabe, oder auch gesellschaftliche oder religiöse Wertvorstellungen von Fleiß und Disziplin. Damit das funktioniert, müssen die Betreffenden aber tricksen. Denn auch die positive Motivation kann die Handlungshemmung im Intuitionsgedächtnis nicht vollends aufheben, die immer entsteht, wenn man sich eine Sache rational vornimmt, d.h. im Intentionsgedächtnis festhält. Um aus dem rationalen auch einen emotionalen Willen zu machen, der letztlich die Handlung ermöglicht, muss der negative Affekt überwunden werden. Dies geschieht laut Kuhl durch eine Art "Trostimpuls", der den negativen Affekt schon beim Entstehen gleich wieder abreguliert und so der unangenehmen Aufgabe ihren Schrecken nimmt. Kuhl nennt diese Variante Selbstregulation, weil dabei die Emotionen nicht niedergezungen oder überwunden, sondern gewissermaßen der äußeren Anforderung entsprechend angepasst werden.
Das Problem bei beiden Varianten, bzw. der Grund, warum viele keine der beiden anwenden können, ist, dass man dafür Emotionen regulieren können muss. Sie also entweder abschalten und in den handlungsorientierten Modus zu wechseln ("Roboter"), oder sie in positive Richtung zu ändern (positive Motivation für unangenehme Aufgabe).

Die Norm ist dagegen:
  • unattraktive Pflichten lehnt man immer emotional ab; sie können nur mit Zwang gegen sich selbst erledigt werden.
  • Die Aversion und Handlungshemmung gegen unangenehme Aufgaben kann auch nicht durch deren Verknüpfung mit positiven Zielen oder Wertvorstellungen nennenswert gemindert werden.
  • Aufgaben, wie Haushaltsarbeiten oder Lernen, werden in der Kindheit mit Drohungen, Anschreien oder auch körperlichen Züchtigungen durchgesetzt, oder sind an sich Strafen ("...weil du Mist gebaut hast, wirst du das ganze Wochenende nur lernen und Zimmer aufräumen!").
  • Emotionen sind nicht steuerbar: Schlechte Stimmung ist wie schlechtes Wetter, man kann nichts dagegen tun, man muss warten, bis es vorbei ist.
Um vor allem vom letzten Punkt abzuweichen und die außergewöhnliche Fähigkeit zu entwickeln, Emotionen zu regulieren, ist laut Kuhl insbesondere ein Aspekt mütterlicher Fürsorge in der frühen Kindheit entscheidend, sowie ein positives Selbstbild des betreffenden Menschen. Die Mutter sollte auf negative Äußerungen des Säuglings angemessen reagieren, u.a. mit Trost, so dass das Baby nach einiger Zeit einen eigenen, automatischen Trostimpuls als Reaktion auf negative Affekte entwickelt. Dieser automatische Trostimpuls behält sich dann im günstigsten Fall lebenslang bei und ermöglicht es diesen Menschen, sich gegen den Horror einer unangenehmen Arbeit zu "trösten" und so die Handlungshemmung entscheidend zu mindern.

Die defekte Selbststeuerung

Das Fehlen eines solchen Trostimpulses, bzw. der daraus erwachsenden Möglichkeit, sich in einer Problemsituation selbst zu trösten, ist laut Kuhl eine entscheidende Ursache unter anderem dafür, dass Menschen sich Dinge zwar vornehmen, aber daran scheitern, weil sie die Aversion nicht überwinden können. Ein weiterer, wichtiger Aspekt ist für ihn ein im allgemeinen positives Selbstbild, das es ermöglicht, unangenehme Dinge zu verkraften.

Wer im Leben erfolgreich sein oder auch nur minimal klar kommen will, in dem Sinne, dass er auch unangenehme Dinge geschafft kriegt und äußeren Anforderungen genügen kann, braucht demnach solche Techniken, die er mit zunehmender Reife vor allem unbewusst einsetzt. Wer dagegen immer mit Drohungen oder Gewalt zu Dingen gezwungen wird, sich vielleicht im Laufe des Lebens zu seinem eigenen Sklaventreiber entwickelt, der Putzen, Aufräumen, Steuererklärung und Arbeit durch Aufbau von Drohszenarien und Horrorvorstellungen für den Fall der Nichterfüllung erledigt, kann immer weniger Emotionsregulation betreiben, um sich zu solchen Dingen zu bewegen, und somit immer weniger das Intuitionsgedächtnis nutzen, das solche Handlungen bahnt. Die permanenten negativen Affekte und das wahrscheinlich durch zunehmende Misserfolge und Nichterfüllungen immer stärker lädierte Selbstbild lassen auch die Ansätze solcher Fähigkeiten erodieren - ein Teufelskreis. Dazu kommt die so genannte Entfremdung, dass man von außen gestellte Anforderungen fälschlich für den eigenen Willen hält, was sie aber nicht sind - und weshalb man sie nur mit größten Schwierigkeiten und irgendwann vielleicht gar nicht mehr erledigen kann. Dieser Entfremdungseffekt wurde experimentell bestätigt.

Letztlich ist die autoritäre und gewaltsame Selbstkontrolle extrem energieaufwändig und ineffizient. Das zeigen auch Untersuchungen etwa zu Diäten oder Raucherentwöhnung: Menschen, die es mit "Strenge gegen sich selbst" versuchten, hatten deutlich weniger Erfolg als Menschen, die sich positiv motivieren konnten. Bei handlungsorientierten Menschen, die ihre Emotionen zumindest zum Teil ausblenden können, halten sich nach außen sichtbare, negative Folgen in Grenzen, aber bei lageorientierten Menschen, die in negativen Emotionen fest stecken wie in einem zähen Sumpf, führt dies zu schweren Beeinträchtigungen der Leistungsfähigkeit (insbesondere bezüglich äußerer, nicht akzeptierter Anforderungen) und manchmal zum Totalversagen.

Überwiegende Handlungs- und Lageorientierung sind nach der PSI-Theorie Persönlichkeitsmerkmale, die langfristig festgelegt und nicht oder nur schwer und eingeschränkt zu ändern sind - wobei übermäßige Lageorientierung gerade auch durch fehlende Fähigkeit zur Emotionsregulation mitbedingt ist. Lageorientierte Menschen, die nur wenig Möglichkeiten haben, unattraktive Aufgaben durch Emotionsregulation in ihr Intuitionsgedächtnis zu bekommen und damit ohne massive Gewalt gegen sich selbst zu erledigen, werden an unattraktiven Pflichten zwangsläufig immer wieder scheitern oder sie nur mangelhaft erledigen - sie können gar nicht anders. Denn der "innere Schweinehund" wird immer stärker, je mehr sie sich zu zwingen versuchen, Intentions- und Intuitionsgedächtnis arbeiten gegeneinander und das Austricksen dieses Antagonismus durch einen "Trostimpuls" funktioniert nicht.

Was sagt die PSI-Theorie aus?

Im Wesentlichen macht die PSI-Theorie die Fähigkeit zur Selbststeuerung (Emotionsregulation) bzw. Selbstdisziplin (in der PSI-Theorie: Zwang), den beiden grundsätzlich verschiedenen Modi der Handlungssteuerung gegen die reine Lust und Neigung, von der frühkindlichen Entwicklung abhängig. Sie sagt nichts über genetische Veranlagungen oder sonstige frühkindliche Erfahrungen aus, die wahrscheinlich ebenfalls für die unterschiedliche Disziplinbegabung (hier inklusive Selbstregulation) der Menschen verantwortlich sind.

Auf jeden Fall zeigt sie aber, dass fehlende Selbststeuerung/-disziplin stabile Gegebenheiten sind, die man nicht einfach ändern kann, indem man "sich zusammen reißt" - dies wäre überdies nur autoritäre Selbstkontrolle, die positive Selbstregulation zunehmend noch unmöglicher macht. Es bedarf vielmehr eines komplexen Trainings und ggf. Therapie, um überhaupt Änderungen zu bewirken; mit einiger Wahrscheinlichkeit lässt sich ein Versagen aller Selbststeuerungsmechanismen gar nicht mehr in den Griff kriegen. Kuhl legt nahe, dass evtl. durch intensives Verständnis und Einfühlung ein positives Selbstbild geschaffen werden kann - als eine fertige Lösung erscheint dies aber nicht bei ihm.

Ihre große Stärke ist die schlüssige Darstellung konkurrierender und gegeneinander arbeitender Denksysteme der gleichen Person, die bekannteste (und älteste) sonstige Darstellung eines solchen Antagonismus ist das Freud'sche Instanzenmodell (Es, Ich, Über-Ich).

Konsequenzen

Es zeigt sich vor allem deutlich, wie falsch die gängigen Stammtischparolen sind, wonach man etwas "nur wollen" oder "sich zusammen nehmen" muss. Und auch politische Bestrebungen, Menschen mit Disziplinstörungen mit Zwang an unangenehme Aufgaben gewöhnen zu wollen, werden keinen echten Erfolg zeigen. Abgesehen davon, dass viele Zwangsmaßnahmen etwa gegen Arbeitslose reiner Sadismus sind, der darauf abzielt, ihnen ganz gezielt besonders belastende Pflichten aufzudrücken und ihnen das vermeintlich lockere Leben zu vermiesen: Zwang kann kein Mittel sein, echte Selbstdisziplin (korrekt nach der PSI-Theorie: Selbstregulation) zu erzeugen. Die Betroffenen werden ständigem Horror und existenziellen Drohungen ausgesetzt; meistens schaffen sie gerade das, was man aus ihnen herausprügelt, aber auch nur, solange sie konkret gezwungen und bedroht werden.

Zwang und negative Affekte bei einer zu erledigenden Aufgabe blockieren die Ausführung in der intuitiven Verhaltenssteuerung (emotionaler Wille), die dadurch zum "inneren Schweinehund" wird - eine der so genannten Modulationsannahmen der PSI-Theorie. Positive Selbststeuerung kann jemand nur erreichen, wenn er es schafft, die negativen Emotionen abzustellen - was mit Drohungen oder unsinnigen Pflichten, die unter Umständen einzig der Schikane dienen, nicht geht.

Das ist keine Garantie, dass sich jemand zur fleißigen Arbeitsbiene auch bei unangenehmen Pflichten umpolen lässt (so weit muss es auch gar nicht gehen) - aber positives Lernen von Selbststeuerung ist ein wichtiger Weg sowohl für die Umsetzung äußerer Anforderungen (insbesondere, ohne dabei einen ständigen Horror zu haben), als auch für die Selbstbestimmung, dass man selbst gesteckte Ziele erreichen kann, auch, wenn sie die Erledigung unangenehmer Aufgaben erfordern (statt nur immer den einfachen und bequemen Weg gehen zu können).

Und wenn eine Therapie - eine solche wäre wohl auf jeden Fall erforderlich - nicht anschlägt und derjenige keine Selbststeuerung zur Umsetzung äußerer Anforderungen umsetzen kann, sollte man das zumindest so weit akzeptieren, dass man darauf verzichtet, ihn durch Bedrohung dazu zu zwingen oder ihm gar nutzlose Pflichten als reine Schikane aufzudrücken. Durch Zwangsarbeit wurden noch nie gute Leistungen erbracht, und unsere Gesellschaft hat es nicht nötig, aus Menschen, die etwas von Natur aus nicht können, mit übelster Schinderei minimale Arbeitsleistung heraus zu prügeln. Ein "Sozialneid nach unten" gegen Disziplinunbegabte, der ihnen selbst ein ruhiges Leben missgönnt und sie deshalb gängeln und herumscheuchen will, steht einem zivilisierten Land nicht gut!

Sonntag, 17. April 2011

Warum das Hartz IV-Bildungspaket scheitern muss

Der Spiegel Online berichtet (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,757284,00.html), dass das von Ministerin von der Leyen propagierte Hartz IV-Bildungspaket floppt, weil nur ein kleiner Teil der Berechtigten Anträge gestellt hat – und die angeblich auch noch oft von „bescheidener“ Qualität sind. Und am 30.April läuft die Antragsfrist für rückwirkende Zahlungen ab.

Da sind zum einen anhaltende Streitigkeiten von Politik und Ämtern, sowie verbleibende Unklarheiten. Zum anderen hatten Behörden keine Antragsformulare vorrätig, verweigerten aber, rechtswidrig, die Annahme formloser Anträge. Es gab offensichtliche Versuche, Antragsteller abzuwimmeln oder auszutricksen, indem man sie entweder zwischen verschiedenen Behörden hin- und herschickte, die Anträge nicht annahm oder später einfach behauptete, es seinen keine gültigen Anträge eingegangen.

Doch über all diese Dinge hinaus gibt es wesentliche Gründe, warum überhaupt so wenige Anträge abgegeben werden. Gegenüber dem Spiegel wurde die Problematik so angedeutet, dass „vor allem die Eltern Geld beantragten, die sich auch früher schon viel um ihre Kinder gekümmert hätten“, und dann: "Die wirklich Abgehängten erreichen wir immer noch nicht.". Denn so ein Antrag ist immer eine relativ komplexe Formalität. Man muss sich erst mal informieren, was es überhaupt im Einzelnen gibt, wie es beantragt wird und am Ende, was man alles beibringen muss, um überhaupt den Antrag bewilligt zu bekommen. Das lange Fehlen offizieller Anträge stellt somit schon mal eine Hemmschwelle dar, denn nicht jeder traut sich, so einen Antrag selbst zu formulieren, oder ist dazu ohne weiteres in der Lage. Muss dann noch über jede kleine Ausgabe Buch geführt werden und müssen für alles Belege beigebracht werden, ist selbst ein Normalbürger, der nicht in Hartz IV steckt, schnell überfordert. Und die mittlerweile erhältlichen Formulare enthalten an allen Punkten den Horrorsatz jedes Behördenformulars: „Bitte Nachweise beifügen!“. Heißt: Stundenlang sämtliche Papierstapel zu Hause durchwühlen, herumlaufen, um Bescheinigungen zu bekommen, und in manchen Fällen, wenn man etwa nicht jede einzelne Busfahrkarte des Kindes aufgehoben hat, lässt es sich eben nicht mehr beweisen.

Langzeitarbeitslosigkeit und Hartz IV-Bezug sind nicht selten (aber keineswegs immer!) mit bestimmten Persönlichkeitseigenschaften verknüpft, die das Bearbeiten von Formalitäten besonders erschweren: Selbst der Normalbürger ist kein Buchhalter, aber im Sozialleistungsbereich gibt es eine erhebliche Zahl von Menschen mit so stark eingeschränkter Disziplinbegabung, die es praktisch unmöglich macht, regelmäßige Buchführung zu betreiben. Entsprechende Tätigkeiten können nur bei einem konkreten Anlass und akutem Druck ausgeführt werden. Auch die wohl als willkürliche Schikane gedachte, exzessive Heimbürokratie im Zusammenhang mit Hartz IV-Bezug kann dann nur im letzten Moment und unter existenzieller Bedrohung erledigt werden.

Und nun soll es für Kinder der Betroffenen Beträge von rund 10 Euro im Monat geben. Einiges an Geld für Hartz IV-Empfänger, aber es macht den Kuchen nicht fett. Nun sollen sich also die Betreffenden quälen, alles Mögliche anleiern und Heimbürokratie auch ohne konkreten Zwang erledigen, für 10 Euro im Monat. Außerdem müssen sie ja erst einmal losgehen und Sportvereine heraussuchen, ihre Kinder anmelden und dergleichen – etwas, was sie seit Jahren oft nicht gemacht haben und wofür sie, krass ausgedrückt, erst mal eine neue Art von Leben anfangen müssen.

Ja, es geht hier um jene Art von Hartz IV-Empfängern, die ganz dem Klischee entsprechen: den ganzen Tag auf dem Sofa sitzen, Thrash-TV schauen und sich und ihre Kinder (die nicht selten durch häufiges Vergessen der Pille entstanden) mit Junkfood fett futtern; die Suche nach Arbeit ist längst aufgegeben und wird nur noch pro forma erledigt, um nicht Hartz IV-Streichungen anheim zu fallen. Um jene Menschen, die arrogante und menschenfeindliche Manager bisweilen als „Wohlstandsmüll“ bezeichnen und die „Neoliberale“ und zahlreiche selbsternannte Sklaventreiber am liebsten zu den niedersten Arbeiten prügeln würden. Wie gesagt, beileibe nicht alle Hartz IV-Empfänger gehören zu dieser Gruppe, aber sie ist bedeutsam.

Aber was bringt sie zu solchem Verhalten? Der nahe liegende Begriff „Faulheit“ suggeriert eine Wahlfreiheit, dieses Verhalten aus eigener Kraft ändern zu können, die diese Menschen nicht haben. Denn die Fähigkeit, sich zu unangenehmen Aufgaben bewegen zu können, sowie der innere Widerstand dagegen, sind bei Menschen von Natur aus unterschiedlich ausgeprägt und können nicht durch Willensentscheidungen oder kurzfristiges Lernen geändert werden. Ob beispielsweise ein Hartz IV-Empfänger einen Antrag für das Bildungspaket ernsthaft ausfüllt (mitsamt all den komplizierten Nachweisen), hängt von verschiedenen Faktoren ab.

Das ist zum einen das Kosten-Nutzen-Verhältnis – was springt für den Aufwand heraus? Das Ergebnis, rund 10 Euro im Monat, ist für alle gleich. Aber die Kosten, und die Möglichkeit, sie überhaupt aufzubringen, sind unterschiedlich: Jemand, dem Heimbürokratie keine große Last ist, der sich nur einen Ruck geben muss, um auch komplizierten Papierkram zu erledigen, der noch dazu alle Belege sauber abgeheftet in Ordnern stehen hat, der hat einen objektiven Profit daraus. Doch wer sich erst fürchterlich quälen muss, wer nach jeden Beleg stundenlang suchen oder tagelang hinterher laufen muss, für den ist der Aufwand und die Selbstüberwindung derart horrend, dass er wahrscheinlich lieber auf das Geld verzichtet, auch, wenn er es eigentlich dringend für seine Kinder braucht.

Und noch einfacher ist die Frage, ob jemand diesen Aufwand überhaupt aufbringen kann, wenn nicht eine existenzielle Drohung, wie die komplette Streichung des Hartz IV, damit zusammen hängt, unter Umständen sogar nicht mal dann. Die Frage, ob man ein Geschäft eingehen würde, bei dem man eine Million Euro investiert und 2 Millionen heraus kriegt, wird für die meisten daran scheitern, dass sie keine Million zum Investieren haben. Genau so ist es mit der Energie für die Erledigung einer unangenehmen Aufgabe: Ist der Aufwand zu hoch und die Aufgabe von horrendem Charakter, wie etwa eine komplexe Formalität für einen disziplinschwachen Menschen, so kann der Aufwand nicht erbracht werden, auch, wenn der Ertrag noch so hoch ist.

Nun kann man zwar mit Zwang und existenziellen Drohungen Leistungen in einem gewissen Maße aus den Menschen heraus pressen. Dies ist aber einerseits ein Angriff auf deren Menschenwürde, zum anderen wird damit genau nicht das erreicht, was diesen Menschen fehlt, nämlich selbstbestimmtes Handeln, auch dann, wenn es unangenehme Dinge zu überwinden gilt, weil man höhere Ziele erreichen will. Ihnen ist es nur möglich, immer den einfachsten Weg zu gehen, was entweder zu einem thrashigen Lebensstil führt, oder dazu, dass sie unter schlimmster Quälerei gerade das Minimum an Leistung erbringen, das sie erbringen müssen. Diese Menschen KÖNNEN unangenehme Arbeiten nicht aus freiem Antrieb erledigen – einen entsprechenden freien Willen haben sie nicht! Die Frage, ob sie eine Sache tun können, hängt einzig daran, ob sie ihnen angenehm oder unangenehm ist, bzw. überhaupt erst in den Sinn kommt.

Dem Konzept „Fördern und fordern“ liegt eine primitive Sklaventreiber-Ideologie zu Grunde, dass Menschen, die aus eigenem Antrieb nichts leisten können, dazu gezwungen werden sollen, und auch die Idee, dass häufiger Zwang zu unangenehmen Arbeiten und Pflichten zu einer Gewöhnung und letztlich selbständigen Erledigung aus eigenem Antrieb führen könne. Ersteres ist aber nur ein Angriff auf die Menschenwürde, denn die so erpressten Leistungen sind minimal im Vergleich zu dem, was Menschen mit echter Disziplinbegabung, zusammen mit vielen anderen Begabungen, leisten können. Und eine Verbesserung der Verhaltensoptionen dieser Menschen findet auch nicht statt; im Gegenteil: durch den Zwang und die Drohungen werden die Pflichten immer mehr zum Horror und können nur unter immer stärkeren Drohungen erledigt werden.

Daher sollte man auch keineswegs auf die Idee kommen, die Anträge auf das Bildungspaket zur Pflicht für Eltern in Hartz IV-Bezug zu machen!

Wenn die Einforderung von Arbeiten und Pflichten zur reinen Schikane verkommt, entwickelt man natürlicher Weise und zu Recht eine Trotzhaltung. Das fängt mit der Beschränkung der Öffnungszeiten von Ämtern und Argen auf die frühen Morgenstunden an. Es gibt keine objektive Notwendigkeit und keinen Sinn für Langzeitarbeitslose, früh aufzustehen; sobald der Amtstermin erledigt ist, schlafen sie eh wieder so lange, wie es ihnen gefällt, und wenn sie tatsächlich mal eine Arbeit erlangen sollten, ist das ein ganz anderer Fall. Es setzt sich fort mit den unzähligen, aus bewusster Schikane umfangreich gehaltenen Hürden der Heimbürokratie, und endet in so genannten „Workfare“-Konzepten, Zwangsarbeit, die, anders als die gängige Bürgerarbeit, vor allem unangenehm und sinnlos und damit reine Schikane sein soll, um die Menschen vom Bezug von Sozialleistungen abzuschrecken oder sie wenigstens dafür zu bestrafen. Ein selbstbestimmtes Leben, das es Menschen ermöglicht, mit unangenehmen Aufgaben wirklich fertig zu werden, kann auf diese Weise nicht erreicht werden.

Wirklich disziplinierte Menschen erledigen unangenehme Aufgaben nicht unter Zwang und Drohungen, auch nicht dadurch, dass sie sich selbst dazu quälen, sondern können entweder alle Aversionen abstellen, um wie Roboter zu arbeiten, oder können sich sogar positiv motivieren („damit es meiner Familie gut geht, mache ich gerne diese Arbeiten“). Ob solche Haltungen und Verhaltensweisen für jeden erlernbar sind, ist höchst fraglich. Wahrscheinlich ist eine extreme und unüberwindbare innere Hemmung gegen unangenehme Pflichten erblich oder in früher Kindheit entstanden – mehr dazu bald in diesem Blog – und kann nur sehr schwer oder gar nicht beseitigt werden. Schon gar nicht durch den reinen Willen der Betroffenen – denn eine unangenehme Pflicht kann normaler Weise niemand wirklich wollen. Ist dann noch die Pflichteinforderung nur für Selbstverständlichkeiten, wie Nahrung, Kleidung oder Unterkunft, oder gar reine Schikane ohne jeden weiteren Zweck, dann wird die Überwindung der Aversionen noch unmöglicher.

Ich halte es für falsch, in derartigen Handlungshemmungen eine reine Bequemlichkeit zu sehen. Denn die Unfähigkeit, sich zu unangenehmen Dingen zu überwinden, sie auch aus eigenem Antrieb und regelmäßig zu tun, auch, wenn einem gerade keiner sinngemäß die Pistole an den Kopf hält, hindert Betroffene an der Erreichung wesentlicher Lebensziele und auch positiver Erträge. Es ist eben gerade keine Selbstbestimmung, wenn man gerade immer nur den einfachsten Weg gehen kann, sondern effektiv eine Behinderung. Das heißt, es sollten einerseits wirksame Therapien entwickelt werden, sofern dies möglich ist. Wobei von vorne herein klar ist, dass diese relativ lang, schwierig und komplex werden können. Zum anderen sollte es auch als solche akzeptiert und nicht als schuldhaftes Fehlverhalten dargestellt werden, und es soll auf das Auferlegen nicht unbedingt notwendiger Arbeiten und Pflichten für die betroffenen Menschen verzichtet werden.

Unsere Gesellschaft hat es nicht nötig, aus einer Minderheit von Menschen eine minimale Arbeitsleistung heraus zu prügeln, während andere mit viel weniger innerer Überwindung viel mehr leisten können, so dass sie ohne große Last auch die nicht leistungsfähigen mit ernähren können. Die Ursklaverei, der Zwang, nur für sein bloßes Dasein arbeiten und Leistung erbringen zu müssen, sollte in einem reichen, hoch technisierten und zivilisierten Land ohnehin längst Vergangenheit sein! Und ein übermäßiger „innerer Schweinehund“ ist eine Behinderung, genau so wie eine Behinderung körperlicher Natur, und nichts, was man mal eben so abstellen kann, wenn man nur will. Die Stammtischparolen, dass Betroffene „einfach zur Bundeswehr hätten gehen sollen“ oder sich „nur zusammen nehmen müssen“, sind gefährlicher Unsinn, der den Betroffenen schlimmes Leid verursacht. Mit gutem Grund wird derartiges etwa von Suchtkranken seit langem nicht mehr behauptet. Und es gilt zu verhindern, dass mit diesem oftmals böswilligen Aberglauben und nicht selten mit reinem Sadismus Politik gemacht wird!

Das Hartz IV-Bildungspaket war vielleicht gut gemeint, aber es wird wahrscheinlich scheitern, weil die Hürden für viele in der Zielgruppe zu hoch sind. Hartz IV-Empfänger sind eben meistens keine verkappten Buchhalter. Dennoch bleibt zu hoffen, dass die Ämter wenigstens in den letzten Apriltagen in einer Flut von Anträgen ersticken!

Sonntag, 27. März 2011

Schlechte Formulare: Wann verschwindet endlich die Folge "Name - Vorname"?

Neulich gab es wieder ein x-beliebiges Antragsformular auf Papier auszufüllen. Man geht der Reihe nach die Felder durch und schreibt bei "Name" das rein, was man üblicherweise darunter versteht, den ganzen Namen. Doch dann kommt das nächste Feld: "Vorname". Und schon wird im Namensfeld davor hektisch der schon hingeschriebene Vorname durchgestrichen. Langsam muss man sich fragen: Mögen die Ämter und Institutionen, die solche Formulare erstellen, solches Geschmiere? Oder wollen sie die Leute, welche die Formulare ausfüllen, ärgern? Zwar ist das Problem meist auch den Ausfüllenden bekannt, aber wer macht schon ein Brainstorming, bevor er solche Standardfelder ausfüllt? Und so kommt es erst wieder in den Sinn, wenn das Malheur schon geschehen ist. Das Krikelkrakel ließe sich leicht vermeiden, wenn dort entweder "Familienname" stünde oder der Vorname auch vorher käme, wie man es erwarten würde. Doch es scheint, als wollen die Formularersteller eine schlechte Form konsequent weiter verwenden.

Bleibt zu überlegen: Der eigene Name ist der ganze Name, und deshalb ist es auch eigentlich richtig, ihn komplett ins Namensfeld zu schreiben. Der Vorname steht dann eben noch ein zweites Mal im Feld dahinter. Müssen die Aussteller eben sehen, dass sie die Formulare richtig verarbeiten...

(wieder so eine Kleinigkeit, die nervt!)

Donnerstag, 10. März 2011

Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden - immun gegen Kritik?

Es jährt sich zum zweiten Mal der Amoklauf von Winnenden, eine der großen und spektakulären Gewalttaten der jüngeren deutschen Geschichte. Weiterhin aktiv ist das Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden (AAW), das einige der betroffenen Eltern gegründet haben und in dem mindestens ein Mitglied (H.Schober) faktisch hauptberuflich dessen Forderungen vertritt. Und die sind radikal: Allgemeines, völliges Verbot von Waffen in Privathaushalten, Verbote von Computerspielen selbst für Erwachsene, Einschränkung der Medienberichterstattung bei Straftaten.

Dazu kommt ein reichlich fragwürdiger Umgang mit dem Vater des Täters - es bleibt der Eindruck, dass man sich stellvertretend an ihm rächen will, indem man sich nicht mit den üblichen Strafen für das vorschriftswidrige Aufbewahren der Tatwaffe begnügt, sondern ihn in den Knast stecken will, als sei er selbst aktiver Mittäter gewesen. Ein ähnliches Schmierentheater gab es schon nach dem Amoklauf an der Columbine High School 1999 in den USA, wo man die Eltern der Täter im Rahmen einer Sippenhaftung nachhaltig mit organisierten Hasstiraden überzog und zu horrenden Zahlungen zwang - in der Erwartung, dass ein Gerichtsurteil noch teurer gewesen wäre.

Und doch meinen offenbar viele Journalisten, diesem Aktionsbündnis so etwas wie absolute Integrität zugestehen und Kritiker abwehren, gar diffamieren zu müssen. So agitiert der Südkurier gegen die Autorin der Website JagdWaffenNetz, die einen Offenen Brief an das AAW veröffentlicht hat, als schriebe sie in einem unverschämten Ton gegenüber den armen, zu schonenden Opfern, behauptet gar, sie wolle den Opferfamilien den Mund verbieten. Man kann sich über die Positionen in dem Brief streiten - sie sind aber legitime Kritik an einer von mehreren Forderungen des AAW, mit denen die Freiheitsrechte der Menschen beschnitten werden sollen.

Auch Computerspieler haben sich mehrfach kritisch gegen die Zensurforderungen des Aktionsbündnisses gewandt und sind dort ebenso auf taube Ohren gestoßen, während der politische Machtmissbrauch zu ihrem Schaden, der in Deutschland immer wieder versucht wird und der es in der Schweiz mittlerweile zu verheerenden "Erfolgen" gebracht hat, weiterhin ihre Lebensqualität bedroht. Denn anders als von Waffen geht von Computerspielen keine konkrete Gefahr aus; die Forschungslage zu abstrakten Risiken belegt nichts Schwerwiegendes, obwohl es eine starke Präsenz von Exponenten aggressiven Moralaposteltums gibt, die "logischer Weise" Risiken erkennen, nachdem sie schon vorher lange Computerspiele schlecht gemacht und teilweise Zensur und Verbote gefordert hatten. Die anhaltende Studienschlacht der Forscher um Computerspiele mit Gewaltinhalten sollte nicht darüber hinweg täuschen, dass es bei den Verbotsforderungen nicht in erster Linie um belegbare, konkrete Risiken für reale Gewalttaten geht, sondern darum, anderen die eigenen Geschmacksurteile und Moralvorstellungen selbst in virtuellen Fantasiewelten aufzuzwingen.

Das AAW vertritt die Stimmungslage, dass infolge einer schweren Gewalttat nicht etwa gewartet, nachgedacht und vernünftig gehandelt werden soll, sondern dass vor allem die Schaffung einer scheinbar heilen Welt mit sauberen Bildschirmen, ohne private Waffen und mit einer an enge Regeln gebundenen Berichterstattung zu Straftaten oberstes Gebot sei. Zwangsläufige Konsequenz derartiger Bestrebungen ist die Forderung, das Freizeitverhalten und selbst die Fantasie der Menschen nach gesellschaftlichen Vorgaben zu optimieren und zu normieren, um selbst das letzte, hochabstrakte Risiko zu eliminieren, dass sich aus Fantasien, Medienbildern oder gerade zufällig vorhandenen, potentiellen Mordinstrumenten Verbrechen entwickeln. Und man kann davon ausgehen, dass es bei solchem Vorgehen nicht bei Schusswaffen und "Killerspielen" bleibt, sondern nahezu alles willkürlich verboten wird, was einige Meinungsführer oder einflussreiche Personen für "gefährlich" halten oder erklären, weil es ihrem Geschmack entgegen läuft.

Eine solche Optimierungspflicht für das Freizeitverhalten würde letztlich die Menschen um einen wesentlichen Teil ihrer Lebensqualität bringen und dem betroffenen Staat den Charakter eines kollektiven Gefängnisses geben. Deshalb muss im Sinne der Freiheit und Lebensqualität der Menschen auch ein gewisses Maß an Risiko in Kauf genommen werden. Wenn mögliche Risiken nur hochabstrakt und überhaupt strittig sind, wenn dazu noch ein mitunter exzessives Jugendschutz-System besteht, das Kinder und Jugendliche vor vermeintlich Gefährlichem schützen soll, dann sind generelle Verbote in keiner Weise akzeptabel!

Doch auch bei Waffen, die eine konkrete Gefahr darstellen, muss zwischen individuellen Freiheitsrechten, Gefahren und weiteren Überlegungen abgewägt werden. Das ist nicht nur die Freiheit zur Verwendung in Schützenvereinen oder zur Jagd: Denn Waffen sind auch ein Machtfaktor für das Volk gegen potentiell tyrannische Regierungen. Die aktuellen Ereignisse in Libyen zeigen, dass gegen Tyrannei oft nur Gegengewalt hilft, und die kann ein bewaffnetes Volk eben viel effizienter ausüben als ein unbewaffnetes. Dazu sollte auch die Armee fest im Volk verankert und keine selbsternannte, auf autoritäre Führer eingeschworene "Elite" oder zusammen gekaufte Söldnertruppe sein, die ein Herrscher viel leichter zur Unterdrückung des eigenen Volkes einsetzen kann. Waffen sind (leider) ein Muss, um Freiheit zu gewährleisten und einen Aggressor an einem Angriff zu hindern - sonst wird der Friedfertige untergebuttert. Für den konkreten Umgang soll es natürlich Sicherheitsvorschriften geben, damit es nicht bei jedem nichtigen Streit gleich Tote gibt. Solche Sicherheitsvorschriften gibt es aber schon zur Genüge, und die meisten Waffenbesitzer halten sich auch daran. Seltene Ausnahmefälle dürfen da zu keiner Überreaktion führen. Obwohl Schusswaffen, anders als Computer-"Killerspiele", eine konkrete Gefahr darstellen und der Missbrauch auch legaler Waffen zweifellos Menschenleben kostet, stehen gleich mehrere grundsätzliche Werte einem völligen Verbot von Waffen in Privatbesitz entgegen.

Man sieht also, dass die Forderungen des AAW in vielfacher Hinsicht höchst fragwürdig und als rational vertretbare Konsequenzen aus der Tat schlicht falsch sind. Man kann jemandem als Opfer zwar zugestehen, dass er sich radikaler zu Dingen äußert, die er mit der Tat in Verbindung bringt, aber deswegen müssen die Äußerungen und Forderungen noch lange nicht richtig sein, und schon gar nicht gehören Forderungen, die auf breiter Ebene in Grund- und Freiheitsrechte vieler Menschen einschneiden, gegen Kritik immunisiert.


Nachtrag:
Nach Medienberichten besteht auch eine wirtschaftliche Interessenverflechtung zwischen dem Aktionsbündnis und dem Mehrheitsgesellschafter der Firma Armatix, Bernd D., die offenbar wiederholt versucht, durch Lobbyismus und Einfluss auf die Gesetzgebung Waffenbesitzer zur Abnahme ihrer Produkte zu zwingen. Ferner ist Bernd D. der Firma Quellsysteme GmbH verbunden. Diese bewirbt Wassergeräte u.a. mit nicht beweisbaren Behauptungen aus der Esoterikszene, wonach eine angebliche "Clusterstruktur" in Wasser für dessen Qualität verantwortlich sei, dass Wasser darin "Informationen" speichern könne und dass Gifte auch noch über solche "Informationen" oder "Frequenzen" Schadwirkungen haben könnten, wenn sie selbst schon heraus gefiltert seien. Neben einer physikalischen Filterung behauptet die Firma auch, die Geräte würden "feinstofliche Informationen" in Wasser "löschen". Es werden also Wassergeräte unter anderem mit irrationalen und quasi-magischen Wasserbehandlungsmethoden beworben.

Montag, 31. Januar 2011

Artikel auf diesem Blog stehen unter "Creative Commons - Attribution-Share Alike"-Lizenz

Alle Artikel in diesem Blog stehen unter der Attribution-Share Alike-Lizenz der Creative Commons-Organisation.

Für die exakten Erklärungen siehe hier:
http://creativecommons.org/licenses/

Grob erklärt bedeutet dies, sie dürfen unter Nennnung des Urhebers weiter verbreitet, verändert und erweitert werden, sofern das weiter verbreitete oder abgeleitete Werk unter gleichen Lizenzbedingungen zur Verfügung gestellt wird.

Mittwoch, 26. Januar 2011

Gewaltverherrlichende Medien gibt es nicht!

Man hört es immer wieder in moralisierender Berichterstattung, in der üblichen Empörung und bei Zensurforderungen: den Begriff der "Gewaltverherrlichung" in Medien. Doch hat irgend jemand schon mal mit einem gewaltverherrlichenden Medium Kontakt gehabt, es genutzt? Oder ist das Ganze nur ein Phantom?

Denn welches "Killerspiel" oder welcher Horrorfilm haben schon Passagen, wo sich der Kämpfer oder der Zombie-Schlächter mit Kettensäge hinstellt und dem Spieler oder Zuschauer sagt: "Was ich hier mache, ist auch wirklich ein geile Sache. Es ist gut und cool, wenn du durch die reale Welt marschierst und da alles abknallst!" Nein, nach solchen Medien kann man lange suche, auch in solchen auf Indizes und Beschlagnahmelisten. Man wird sie unter regulären Veröffentlichungen nicht finden (Untergrundprodukte, etwa der Neonazi-Szene, will ich mal außenvor lassen). Genau das wäre aber notwendig, wenn man einigermaßen sinnvoll von "gewaltverherrlichenden Medien" reden wollte.

Wenn man sich anschaut, wogegen sich der Begriff richtet, merkt man schnell, dass die so bezeichneten Medien zwar jede Menge Gewalt darstellen oder nachspielen lassen, was zu Schock- und Gruselzwecken oder zum schlichten Wettkampf völlig legitim ist. Denn fiktionale Medien sollen ja gerade auch das darstellen, was man in der realen Welt nicht tun kann oder (zurecht) nicht tun darf. Doch auch dann, wenn es in einem Computerspiel für Gewalttaten Punkte, Extrawaffen oder ähnliche Belohnungen gibt, handelt das Ganze immer noch in einer von der Realität abgetrennten Fantasiewelt, die zur Unterhaltung geschaffen wurde und nicht, um damit entsprechende Handlungen in der Wirklichkeit zu glorifizieren.

Der Begriff "Gewaltverherrlichung" ist also eine Manipulation dummer Zuhörer, die damit glauben sollen, dass ein Medium, welches Gewalt darstellt oder nachspielen lässt, diese damit in der Wirklichkeit verherrlicht. Das ist grober Unfug, schließlich ist es nur unbedenkliche Gewaltdarstellung, aber es ist die verbale Strategie jener Propagandisten, die Filmfreunden und Computerspielern ihre Geschmacksurteile und Vorstellungen von Zucht und Ordnung aufnötigen wollen - häufig in Form staatlicher Zensur und Verbote. Und ganz dummdreist wird es dann getrieben, wenn diese Kreise ernsthaft behaupten, Filme und Computerspiele seien faktisch Lernmittel, und gewalttätige Darstellungen, etwa im Verbrechermilieu oder Krieg, würden zur direkten Übernahme der "Werte", Moralvorstellungen und Handlungsweisen aus Verbrechertum und Krieg anstiften.

Man denke an Umfragen, wo gefragt wird: "Sollen gewaltverherrliche Computerspiele verboten werden?" Natürlich wollen die meisten Leute keine Spiele, in denen zu echten Gewalttaten angestiftet wird. Stimmen sie aber für ein Verbot, dann wird ihre Meinung für jene eingespannt, die mit einem bewusst falsch verwendeten Begriff der Gewaltverherrlichung manipulieren und damit auch Darstellungen ohne jeden Anstiftungscharakter kriminalisieren wollen. Denn es werden dann viele Leute für ein Verbot stimmen, die mit Hackfleischdarstellungen per Filmtrick oder Bits und Bytes keine Probleme haben. Wirklich gewaltverherrlichende Spiele bleiben dagegen ein Phantom, das es auf den allermeisten Rechnern und auf dem offiziellen Spielemarkt nicht gibt, so blutig es dort auch zur Sache geht. Diese Art Manipulation fällt in Medien immer wieder auf.

Man sollte also, wo immer der Begriff "Gewaltverherrlichung" im Zusammenhang mit Unterhaltungsmedien fällt, auf dessen fälschendes und manipulatives Potential hinweisen, darauf, dass damit legitime und harmlose fiktionale Gewaltdarstellungen zur "Verherrlichung" echter Gewalt umdeklariert werden sollen. Und selbst sollte man den Begriff meiden, denn gegen sein Manipulationspotential kommt man schwer an.

Und die Moral von der Geschicht:
Gewaltverherrlichende Medien gibt es nicht!



(Oder etwa doch...? "America's Army" ist doch sooo schön blutarm, soll nur ein paar Rekruten sammeln, also kein Problem mit Gewaltverherrlichung, da verbietet man doch lieber irgendwelche Zombie-Kettensägen-Schlächtereien...)

Montag, 17. Januar 2011

Rudolf Hänsel: Game Over! Buchrezension fertig

Die Rezension des Buches von Rudolf Hänsel, langjähriger Spielegegner und unter anderem an den Verbotsbestrebungen in der Schweiz beteiligt, ist fertig.

Montag, 10. Januar 2011

House of Games - ein alternativer Lebensentwurf

Computerspiele und Internet stellen heute für viele einen wesentlichen Teil ihrer Freizeitgestaltung dar, gleichzeitig benötigen viele gar keine große und komfortable Wohnung. Im Gegenteil, eine 50qm-Wohnung belastet einen Alleinstehenden unnötig mit Putzen und Aufräumen, und er braucht vielleicht so viel Platz gar nicht. Es bietet sich also an, den Wohnraum auf ein Minimum zu reduzieren und die Ausstattung auf das Wesentliche, dies aber gut und komfortabel, zu beschränken. Lebensmittelpunkt innerhalb der Wohnung ist dabei der Computer - für Spiele, Informationsbeschaffung, Kommunikation und auch, falls vom Bewohner gewünscht, für Arbeiten. Neben einer bedarfsgerechten Ausstattung für erwerbstätige Alleinstehende kann so eine Wohnung auch längerfristige oder dauerhafte Unterkunft für Erwerbslose sein, die eine Kostenumlagerung, weg von den Unterkunftskosten hin zu einem akzeptierten, zumindest einigermaßen guten Leben, bedeutet. Dafür müsste freilich auf Versklavungsideologien verzichtet werden, nach denen Erwerbslose höchstens das absolut zum Leben notwendige haben und vor allem zur Arbeitsaufnahme gezwungen werden sollen.

Wer das Leben am Computer als wichtigsten Teil seines Tagesablaufs betrachtet, was zumindest phasenweise bei nicht wenigen Menschen vorkommen dürfte, für den ist eine einfache Unterkunft völlig ausreichend. Toilette und Dusche können, ähnlich wie bei Wohnwagen, kompakt und aus einem Guss (Plastik) sein. Das erleichtert auch die Reinigung, die einfach mit dem Duschschlauch statt finden kann. Dazu kommt eine kleine Kochstelle mit Kühlschrank und -wichtig- einem Mini-Geschirrspüler. Das Ansammeln verdreckten Geschirrs in der Kochecke oder der Wohnung insgesamt wird so wirkungsvoll verringert. Das Bett kann ein Hochbett sein, mit darunter integriertem Kleiderschrank. Als Platz zum Essen kann ggf. der Computertisch ausgezogen werden. Allerdings ist damit zu rechnen, dass viele Bewohner Mahlzeiten und Snacks direkt am Computer einnehmen; für das Problem verdreckter Tastaturen gibt es an dieser Stelle keine Lösung.

Wie alle alternativen Lebensentwürfe ist das House of Games nicht jedermanns Sache - sicher wird auch mancher Gamer mehr Platz in seiner Wohnung für soziale Aktivitäten wollen und die kleine Wohnbox ablehnen. Insofern ist es ein Nischenwerk, genauso wie ein Bauwagenplatz oder eine Hippiekommune. Außerdem würde es für viele Bewohner nur einen Lebensabschnitt darstellen; für Menschen im Erwerbsleben unter Umständen so etwas wie ein so genanntes "Sabbatical", also eine längere Pause vom Arbeitsleben, die ausschließlich der Freizeitgestaltung gewidmet wird.

Man muss davon ausgehen, dass viele der Bewohner keine Lust haben, einen Großteil ihrer Zeit mit lästigen Haushaltsarbeiten wie Putzen, Spülen, Saugen und dergleichen zu verschwenden. Um dennoch eine akzeptable Hygiene zu erhalten, soll es einerseits möglichst wenig Platz und Gegenstände geben, die Reinigung oder sonstige Arbeiten benötigen. Zum anderen sollte möglichst viel automatisiert sein, daher der Geschirrspüler und das Kompakt-Bad, das einfach mit dem Duschschlauch gereinigt werden kann. Der Boden kann nach Wahl des Bewohners glatt oder Teppich sein; der Reinigungsaufwand ist u.U. beim Teppich sogar geringer. Idealer Weise verwenden die Bewohner automatische Reinigungssysteme, wie Roboter-Staubsauger, sobald diese zu einem erschwinglichen Preis und in hinreichender Qualität erhältlich sind. Auch ein RFID-basiertes Ortungssystem für Alltagsgegenstände und eine damit kombinierte, einfache und ungeordnete Unterbringung der Habe in Behältern, wäre wünschenswert. Der Wunsch, unangenehme Arbeiten und Pflichten auf ein absolutes Minimum zu reduzieren, wird im Rahmen des Projekts respektiert und unterstützt. Auf der anderen Seite sollte jeder Bewohner unabhängig sein; gemeinsame Anlagen von Duschen, Toiletten oder Küchen sind zu vermeiden, um Konflikte, etwa über den nötigen Sauberkeitsgrad oder die Erledigung nötiger Arbeiten, zu vermeiden.

Der Computer ist das absolute Herzstück einer solchen Wohnbox. Er ist die Multimedia-Zentrale: Spielgerät, Internetterminal, Fernseher, Telefon, Arbeitsgerät, Kommunikationsinstrument mit anderen Menschen in der Umgebung. Folglich sollten die Bewohner hier auch stark investieren können. Bei Erwerbslosen wäre es auf jeden Fall angebracht, einen Teil des Geldes, das man gegenüber einer herkömmlichen Wohnung einspart, als Technik- und Softwarebudget auszuzahlen - zu denken wäre hier an etwa 100-150 Euro im Monat. Die Einsparung gegenüber einer herkömmlichen Wohnung sollte hierfür mehr als ausreichend sein. Grundsätzlich sollen die Bewohner dabei selbst entscheiden, wofür sie das Geld ausgeben. Bewohner des House of Games benötigen in der Regel weniger Geld für Einrichtungsgegenstände, Kleidung und andere Dinge des alltäglichen Lebens. Entsprechend sollte das Haus voll vernetzt sein und alle aktuellen Technologien auf diesem Bereich unterstützen.

Für die Umsetzung würde sich ein klassischer Plattenbau eignen, wie er in vielen Trabantenstädten zu finden und als "Schrottimmobilie" günstig zu erwerben ist. Zur Sicherheit der Bewohner vor Belästigungen, Übergriffen oder sonstiger Kriminalität sollte die Wohngegend jedoch nicht allzu schlecht sein. Die bisherigen Wohnungen würden ersetzt durch Reihen kleiner Wohnboxen mit einer Länge von etwa 2,5x6 bis 3x8 Meter, von denen eine deutlich größere Zahl in dem Gebäude untergebracht werden kann als normale Wohnungen. Die Zwischenwände und -decken müssen dabei gut schallisoliert sein, um die gegenseitige Störung der Bewohner zu verhindern. Selbstverständlich sollte beim Umbau auch eine zeitgemäße Wärmeisolierung nach außen hin installiert werden. Weitere, größere Investitionen stünden für Strom-, Gas-, Wasser- und Datenleitungen an, die in weit höherer Zahl benötigt werden als bei herkömmlichen Wohnungen. Zum Zweck der Hygiene sollten zumindest wohnungsnah Müllschlucker installiert werden, die auch verschiedene Abfallsorten getrennt aufnehmen können. Sinnvoll wären einige Sozialräume, da in den Wohnboxen selbst nur begrenzt soziale Aktivitäten stattfinden können. Wenn das Gebäude von Grünflächen umgeben ist, sollte es den Bewohnern möglich sein, freiwillig Gartenparzellen zur Pflege und zum sommerlichen Grillen zu übernehmen - ein Zugeständnis daran, dass Gartenarbeit klassischer Weise eher gute Arbeit als lästige Pflicht ist.

Die Kosten wären wesentlich geringer als bei einer normalen Wohnung, allein deshalb, weil sich auf der Grundfläche einer herkömmlichen Wohnung mindestens drei, bei größeren Wohnungen auch mehr Wohnboxen unterbringen lassen; die Grundkosten des Gebäudes werden auf eine größere Zahl Bewohner verteilt. Schätzungsweise wäre eine Kaltmiete von unter 100 Euro möglich; mit weiteren Kosten vielleicht 120 bis 130 Euro. Zu den potentiellen Mietern oder Eigentümern gehören neben arbeitenden oder erwerbslosen Menschen auch sonstige, klassische Kunden für Kleinstwohnungen, wie Studenten oder Berufstätige mit Partner oder Familie und Zweitwohnsitz. Einige Bewohner werden das House of Games nach einiger Zeit wieder verlassen, wenn sie etwa eine Liebesbeziehung eingehen, eine Familie gründen oder sich einem anderem Freizeitverhalten zuwenden, das hier nicht mehr umsetzbar ist.

Geringe Heiz- und Energiekosten (mit Ausnahme des Computers) haben auch Vorteile für die Umwelt; ein Bewohner des House of Games verbraucht weit weniger Ressourcen an Energie und Rohstoffen als ein Bewohner einer gewöhnlichen Wohnung. Dazu kommt, dass viele Bewohner wahrscheinlich auf ein eigenes Auto verzichten werden, wenn alle alltäglichen Bedürfnisse zu Fuß, mit Rad oder öffentlichen Verkehrsmitteln zu erledigen sind.

Doch das House of Games soll nicht nur Unterkunft sein, sondern auch in seiner Gestaltung Spaß und Lebensfreude vermitteln. Den Namen habe ich gewählt, weil er an blinkende Lichter und ratternde und klingelnde Automaten in einem Spielerparadies wie Las Vegas erinnert. Nur mit dem Unterschied, dass darin nicht um Geld gespielt wird, sondern dass Computerspiele darin einen wesentlichen Bestandteil des Lebens darstellen. Entsprechend kann das Gebäude auch gestaltet werden: bunte Lichter, Einrichtungen, die an Computerplatinen oder sonstige IT-Gegenstände erinnern, Bilder von Computerspiel-Figuren und ähnliche Elemente. Denn ein trister Plattenbau soll das House of Games am Ende nicht (mehr) sein!

Siehe auch:
Erzwungene Arbeit und Pflichten: Ein Übel, das zu bekämpfen ist! (Einführung)

Freitag, 7. Januar 2011

Jetzt kann hier jeder kommentieren...

Die Kommentarfunktion ist jetzt für alle frei gegeben.

Mittwoch, 5. Januar 2011

RFID: Ortung statt Ordnung!

Das System der Radio Frequency Identification (RFID) wird in der Wirtschaft zunehmend zur Kennzeichnung von Waren verwendet, um diese besser verwalten zu können. Kleine, preiswerte Etiketten mit Mini-Funksendern kennzeichnen die Artikel und liefern bei Bedarf Informationen über sie. Doch auch im Privatbereich ist RFID einsetzbar: Gegenstände im Haushalt können mit RFID-Etiketten gekennzeichnet und somit leicht über einen Peilsender gesucht und geortet werden. Letztlich kann ein solches System den Zwang zu Ordnung, beziehungsweise das ständige Suchen nach verlegten Gegenständen, beseitigen.

Der Zwang, Ordnung zu halten, ist eine Alltagsplage, die bislang kaum überwunden wurde. Man muss sich schinden, oder, was häufig vorkommt, man scheitert an der Ordnungsforderung und muss sich seiner Messie-Wohnung schämen und ständig verlorene Sachen suchen. Dabei ist das Scheitern an der Ordnung fast vorprogrammiert, gehören doch dazu zwei Verhaltenskomponenten:
  • Das Aufräumen, eine lästige Pflicht, zu der man sich durch extreme innere Brutalität gegen sich selbst quälen muss. Da nur begrenzt äußere Kontrolle besteht (Besuch, Eltern, Ehepartner usw.), wird sie nicht oder erst im letzten Moment erledigt, da man sich die Gewalt gegen sich selbst ersparen will. Wenn man in seiner Wohnung kein festes System hat, ist Aufräumen besonders langwierig, weil die Sachen oft nur von einer Ecke in die nächste geräumt werden, ohne dass sie einen endgültigen Platz haben.
  • Das bewusste Überwachen und Durchdenken praktisch jedes alltäglichen Handgriffs, damit man gebrauchte Gegenstände sofort wieder an Ort und Stelle zurück legt. Wenn man also auf dem Sofa sitzt, eine Zeitschrift liest und dann plötzlich Hunger bekommt, muss man, wenn man in die Küche gehen will, erst daran denken, die Zeitschrift weg zu räumen. Klappt das nicht, aus mangelnder Disziplinbegabung, im verstärkten Fall bei Störungen wie dem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS, ADHS), bleiben alle Gegenstände liegen, wo man sie gebraucht hat, die Zeitschrift, nach dem Essen das dreckige Geschirr, und die Wohnung sieht wenige Stunden nach dem Aufräumen so chaotisch aus wie vorher.
Es bietet sich also an, Technologien zu nutzen, die den Zwang zur Ordnung zumindest teilweise aufheben. Die RFID-Technologie wird derzeit vor allem benutzt, um Informationen über Artikel zu gewinnen, wie Bezeichnung, Haltbarkeit, Produktionsdatum und dergleichen. Die Artikel laufen auf einem Band durch einen RFID-Scanner oder ein Mitarbeiter geht mit einem Handscanner an ihnen entlang und liest die Informationen ein. Der RFID-Scanner enthält dabei einen Sender, der die RFID-Funketiketten an der Ware anspricht. Diese senden darauf hin ihre Informationen zurück zum Scanner.

Es gibt dabei verschiedene Typen von RFID-Etiketten (so genannten "Tags" oder "Transponder"):
  • Etiketten für sehr kurze Distanz (ca. ein Zentimeter): Sie funktionieren wie bisher schon Barcodes, indem sie mit einem Handscanner oder einer Scannerschranke ausgelesen werden können. Für die Suche ungeeignet, weil die Position des Gegenstands bekannt sein muss.
  • Etiketten für kurze Distanz (bis ein Meter): Ähnlich wie bei sehr kurzer Funkdistanz ist hier die Reichweite ungenügend zur Suche und Ortung.
  • Etiketten für mittlere Distanz (ein bis mehrere Meter): Sie eignen sich für die Suche nach Gegenständen, indem man etwa ein Zimmer mit dem Scanner absucht. Die Etiketten sind preiswert (sog. passive RFID-Tags) und damit für die Kennzeichnung einer Vielzahl von Gegenständen geeignet.
  • Etiketten für große Distanz (5 bis >15 Meter): Sie eignen sich für das Absuchen eines größeren Bereichs, müssen aber so genannte aktive RFID-Tags sein, die eine eigene Energiequelle haben und deutlich teurer sind, daher nicht für die massenhafte Kennzeichnung von Haushaltsgegenständen geeignet.
(Die Definitionen weichen von den sonst gängigen etwas ab, da Reichweiten unter einem Meter für den hier genannten Zweck nicht ausreichen)

Die RFID-Chips selbst müssten angepasst werden, so dass sie nur auf bestimmte Anforderung hin reagieren und Funksignale senden. Herkömmliche RFID-Transponder antworten immer, wenn sie auf ihrer Frequenz angesprochen werden. Zwar gibt es verschiedene Verfahren, um mehrere RFID-Chips gleichzeitig antworten zu lassen und die Antworten auszuwerten. Wenn sich aber bei einer Suche hunderte RFID-Chips an Gegenständen zurück melden, sind die meisten gängigen RFID-Systeme überfordert. Es sollen also sich nur jene RFID-Chips auf die Anfrage des Suchgeräts hin melden, die bestimmte, gewünschte Merkmale haben: eine bestimmte Identifikation, die einem konkret gesuchten Gegenstand entspricht, oder eine festgelegte Gruppe von Gegenständen( z.B. Werkzeuge, Bücher, Dokumente, Kleidung).

Die wichtigste Anpassung muss aber am RFID-Scanner statt finden, denn hier geht es, anders als bei der herkömmlichen RFID-Anwendung, nicht um Informationen über den Gegenstand, sondern um seine Position. Der Scanner muss also nicht einen Informationstext ausgeben, sondern eine Visualisierung haben, welche die ungefähre Richtung und Entfernung des Gegenstands anzeigt. Solche Visualisierungen (z.B. "Radarschirm") sind für andere Funkortungen, etwa von WLAN und Bluetooth, schon gängig und können einfach auch auf RFID übertragen werden.

Die meisten verwendeten RFID-Etiketten erzeugen aus dem Funkimpuls des Scanners Strom und senden damit ihr eigenes Funksignal zurück. Sie haben also keine eigene Energiequelle und werden deswegen passive Tags genannt. Die Reichweite ihrer zurück gesendeten Signale kann mehrere Meter betragen, womit sie für den genannten Zweck brauchbar sind. Weiter gibt es die aktiven RFID-Tags, die eigene Stromquellen haben und damit wesentlich größere Antwortreichweiten erzielen.

Für unterschiedliche Gegenstände gibt es unterschiedliche, geeignete RFID-Etiketten:
  • Standardetiketten: für alle Gegenstände, wo keine besonderen Belastungen oder Anforderungen vorliegen, also etwa ein etwas dickeres Etikett kein Problem darstellt
  • Folienetiketten: für Bücher oder Papier-Dokumente, CD/DVD
  • Vor Wasser, Chemikalien usw. geschützte Etiketten: Kleidung (Waschen)
  • Vor mechanischer Belastung oder Zerstörung geschützte Etiketten, z.B. für Werkzeuge
  • Wechseletiketten, die nacheinander auf verschiedene Gegenstände aufgeklebt werden können: für Einwegverpackungen, Flaschen usw., die nach Verbrauch weggeworfen und durch neue ersetzt werden.
  • Aktive Tags, teuer, aber mit großer Reichweite: Für wenige, besonders für Verlegen anfällige Gegenstände, z.B. Schlüssel, Geldbörse, Brille
Ein solches System würde das Verlegen und Suchen von Gegenständen praktisch eliminieren. Sachen können beliebig herumliegen, was stundenlanges Aufräumen und die bewusste Überwachung jedes Handgriffs, um gebrauchte Gegenstände gleich wieder an Ort und Stelle zurück zu legen, überflüssig macht. Millionen von Menschen könnten den aussichtslosen Kampf gegen das Chaos aufgeben und sich wieder auf wichtige Dinge konzentrieren. Selbst in einer extremen Messie-Wohnung können die Bewohner nötige Gegenstände per Scanner fast so schnell finden wie ein ordentlicher Mensch, der sie stets an Ort und Stelle liegen hat.

Weil aber extremes Chaos auch optisch unschön aussieht, wäre ein System von Nutzen, das dieses Chaos kaschiert und trotz fehlender Fähigkeit der Bewohner zur Ordnung einen ansprechenden Eindruck macht. Ideal hierzu wäre ein System von Kisten und Regalen, in welche die Kisten gestellt werden. Die Regale und Kisten werden äußerlich wie normale Möbelstücke gestaltet. Tatsächlich aber werden gebrauchte, herumliegende Gegenstände nur ungeordnet in Kisten gelegt; bei Bedarf geht man mit dem RFID-Scanner an ihnen entlang und sucht benötigte Dinge heraus. Das Aufräumen entfällt damit zwar nicht völlig, aber das ungeordnete Einpacken in Kisten dauert nur kurze Zeit, verglichen mit dem klassischen Aufräumen, wo Dinge sortiert und an Ort und Stelle gebracht werden müssen.

Eine aktuelle Technologie würde also hier genutzt, um besonders lästige und unangenehme Arbeiten überflüssig zu machen und Menschen, die dazu nicht in der Lage sind, von den damit verbundenen Nachteilen zu befreien.


Mancher mag diesen Text als Satire sehen, und wohl mancher Leser wird darüber lachen. Er ist aber in der Sache absolut ernst gemeint, und ich bin überzeugt, dass in den nächsten Jahren vergleichbare Systeme auf den Markt kommen!


Siehe auch:
Erzwungene Arbeit und Pflichten - Ein Übel, das zu bekämpfen ist!
RTLS - Real Time Locating (Wikipedia, engl.)
Schritte in die richtige Richtung:
Loc8tor
Armbanduhr gegen die Vergesslichkeit

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

Sehr wahre Worte...und...
Respekt zu diesem mutigen Posting. Leider wird die...
Gil S. (Gast) - 23. Aug, 10:09
Mediendiktatur in Deutschland...
Die Spielfilme werden von der Bundesprüfstelle...
Sven Förster (Gast) - 23. Mai, 01:37
Mediendiktatur in Deutschland...
Ich stimme Ihren Beitrag zu und möcht Folgendes...
Sven Förster (Gast) - 23. Mai, 01:04
Der Apple-Samsung-Prozess,...
Nun ist das Urteil da: Samsung muss an Apple einen...
bbirke - 27. Aug, 00:57
Warum wundert man sich,...
Gestern ging die Meldung durch die Presse (Link auf...
bbirke - 24. Nov, 09:07

Suche

 

Status

Online seit 2069 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 23. Aug, 10:09

Credits

vi knallgrau GmbH

powered by Antville powered by Helma


Creative Commons License

xml version of this page
xml version of this page (with comments)

twoday.net AGB


Editorial
Gutes Leben statt Arbeits- und Pflichtenzwang
Medienfreiheit-Videospiele&Co
NERV!!!
Tests, Bewertungen, Rezensionen
Über dieses Blog
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren